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„Scharfe Worte nicht gescheut“

— Bernd Ladwig zum Tod von Jürgen Habermas

Fotos: Bernd Wannenmacher / FU

Ich kann es kaum glauben, dass Jürgen Habermas nicht mehr ist. Er war ja so lange Zeit geistig allgegenwärtig. Der wichtigste Philosoph der Bundesrepublik war zugleich ihr prägender Intellektueller. So spröde seine Prosa sein konnte, so zupackend vermochte er auch zu fomulieren. Mit öffentlichen Interventionen, die die Balance wahrten zwischen Angriffslust und argumentativem Gehalt, hat er sein Land über sich selbst aufgeklärt.
Das ging so weit, dass er, der doch als Marxist begonnen hatte, schließlich vielen als der repräsentative Denker der Bundesrepublik schlechthin erschien. Manche haben ihm dies als Verrat am rebellischen Geist der Kritischen Theorie ausgelegt. Aber sie übersahen dabei, was sein Lehrer und zeitweiliger Förderer Adorno über diese Denkrichtung gesagt hatte: dass zu ihren Wahrheiten ein Zeitkern gehöre. Habermas wollte nicht glauben, dass die neuentstandene parlamentarische Demokratie nur eine Fassade sei, hinter der die nationalsozialistischen Kontinuitäten fortlebten. Wo er selbst etwas von diesem fatalen Erbe bemerkte oder befürchtete, etwa in den wiederholten Carl-Schmitt-Renaissancen oder in Ernst Noltes dreister Umdeutung des Holocaust zu einer Antwort auf den Archipel Gulag, hat er scharfe Worte nicht gescheut.
Sich selbst begriff er als ein geglücktes Resultat der Reeducation. Die Demokratie war sein Lebensthema und seine Leidenschaft. Der demokratische Prozess, wie er ihn verstand, ist ein Vorgang der Meinungs- und Willensbildung nicht nur im Sinne der Verrechnung vorpolitischer Präferenzen. Die Beratschlagung unter Bürgerinnen kann auch zur Läuterung von Vorlieben führen. Wir sehen die eigenen Ansprüche und die anderer vielleicht in einem neuen Licht und verstehen sie so besser als zuvor. Als politische Akteure suchen wir nach guten rechtfertigenden Gründen für unsere Parteinahmen. Und wir behelligen einander mit Einwänden, die argumentativen Streit anstoßen. Wäre es anders, so könnten wir vor einer politischen Wahl auch die Münze werfen.
Ich glaube, man versteht Habermas am besten, wenn man ihn durch alle Teile seines verzweigten Werkes hindurch vor allem als einen demokratischen Denker begreift. Er gab selbst uralten philosophischen Themen wie Wahrheit und Moral eine Deutung, die verdächtig nach Demokratie aussah. Immer war die Antwort, die Habermas für die Schwierigkeiten fand, der Tatsachen oder des Sittengesetzes habhaft zu werden, dass wir argumentieren müssten. Und wer argumentiert, wendet sich an ein Gegenüber, das Gründe begreifen und auch zurückweisen kann. Öffentlichkeit, heißt das, ist nicht nur das Lebenselixier der Demokratie, sondern der Vernunft überhaupt.
Habermas hat die sprachtheoretische Wende in der Philosophie mitvollzogen, indem er die Verständigungsfunktion der Sprache betonte. Er wollte nachweisen, dass dem Sprachgebrauch ein Telos zwangloser Einigung innewohne. Auf diese Weise gab er der Kritischen Theorie einen neuen, intersubjektivistischen Zuschnitt. Seine Kritik zielte auf Verzerrungen in den faktischen Verständigungsverhältnissen. Dabei war es ein Missverständnis, wenn man ihm unterstellte, er habe an die Möglichkeit tatsächlich herrschaftsfreier Kommunikationen geglaubt. Er suchte nach einem Maßstab der Kritik in unseren innerweltlichen Einstellungen, nicht nach einer utopischen Ausflucht von ihren realen Restriktionen.
Allerdings hat er für diese Hinwendung zur Sprachpragmatik auch einen philosophischen Preis bezahlt. Keine Verwendung fand er für die fruchtbare Ahnung Adornos, die Reflexion müsse auch unser Verhältnis zu den anderen Tieren und zur nichtmenschlichen Natur einbegreifen, wenn die Vernunft nicht instrumentalistisch verflachen solle. Das Unrecht, das wir Tieren täglich antun, und die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen lassen sich als Verzerrung der Verständigungsverhältnisse nicht zureichend kritisieren. Ob Habermas‘ Theorie uns auch die nötige gedankliche Orientierung im Anthropozän zu geben vermag, scheint mir zumindest eine offene Frage zu sein.
Gar keine Frage aber ist es für mich, dass seine Stimme fehlen wird, jetzt, da der Nationalismus, den er hasste, wieder auflebt und das Recht des Stärkeren, das das Gegenteil von Recht ist, nämlich reine Willkür, die Weltpolitik beherrscht. Jeder Tod kommt in einem gewissen Sinne zu früh. Dieser, nach einem langen Leben, kommt zu einer Unzeit, die unsere ist und in der uns nun die orientierende Kraft der Habermas’schen Stellungnahmen fehlen wird.

Jürgen Habermas an der FU, 2011, als Laudator für den
japanischen Sozialphilosophen Ken’ichi Mishima, dem vom Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften die Ehrendoktorwürde verliehen wurde.

Steffen Krach auf dem Titel der OSI-Zeitung 31
OSI-Zeitung Nummer 31 ist erschienen!
Auf Einladung der OSI-Zeitung war SPD-Spitzenkandidat und OSI-Absolvent Steffen Krach am 21. Januar in der Ihnestraße und diskutierte mit der Redaktionsleitung und dem Publikum. Unser Video zeigt die wichtigsten Passagen der Diskussion.

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