Statistik ist politisch
Zahlen lügen nicht – doch es kommt auf ihre Deutungshoheit an
VON ANNA BAUDOT
“Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single über Parship”, lautet der berühmte Slogan der Partner-Agentur Parship. Eine Statistik, die Hoffnung auf die große Liebe wecken soll, sich aber selbst bei wohlwollender Rechnung als Flop entpuppte: Die Wahrscheinlichkeit auf eine neue Liebe betrüge auf Parship tatsächlich nur knapp zwei Prozent pro Jahr. Dieses Beispiel zeigt die allumfassende Bedeutung von Daten und Statistiken in unserem Leben – ständig wird gemessen, und zwar bis in die intimsten Ecken unseres Lebens. In der Interpretation – oder auch Fehlinterpretation – von Daten liegt wahnsinnig viel Macht. Wenngleich einige fehlgeleitete Interpretationen „harmlos“ erscheinen mögen, können bewusste Fehlinterpretationen von Daten gesellschaftliche Stimmungen, politische Präferenzen und soziales Handeln beeinflussen.
Zahlen sind keineswegs objektiv. “Zahlen lügen nicht. Aber wie werden Zahlen zu Daten verarbeitet? Hier liegt das Problem: In der Methode der Datenerhebung und ihrer Interpretation“, sagt Ulrike Nikutta-Wasmuht, die am OSI zur statistischen Sozialforschung habilitiert wurde. Solche Fehldarstellungen sind nicht selten. Immer wieder werden Daten falsch interpretiert – und trotzdem veröffentlicht. Ein reflektierter Umgang mit Statistiken ist daher dringend notwendig. Die Devise lautet, alles kritisch zu hinterfragen: Wer war für die Studie verantwortlich, wer hat sie finanziert? Welche Daten wurden verwendet? Wie groß war die Stichprobe? In welchem Zeitraum wurde die Statistik erhoben? Außerdem warnt Nikutta-Wasmuht davor, Korrelation mit Kausalität zu verwechseln. So besteht statistisch eine Korrelation zwischen der Menge an Filmen mit Nicolas Cage in der Hauptrolle und im Schwimmbeckene ertrunkenen Menschen – reiner Zufall, einen Zusammenhang gibt es hier nicht.
Was bezogen auf Liebeschancen bei Parship und Nicolas Cage Filme noch relativ harmlos klingen mag, wird deutlich gefährlicher, wenn Statistiken ganz bewusst manipuliert werden, um eine politische Agenda zu stärken „Statistik ist politisch”, betont Nikutta-Wasmuht. Besonders deutlich wurde das während der Corona-Pandemie: „Während der gesamten Pandemie haben die Bürger und Bürgerinnen bis in den letzten Winkel verstanden, dass es da eine große Diskrepanz gibt zwischen dem, was Wissenschaftler:rinnen einerseits herausfinden und was die Politik andererseits daraus macht.” Ein nüchterner Blick auf Zahlen, Daten und Fakten ist daher wichtiger denn je, gerade in Zeiten eines zunehmend komplexen, fraktionierten und von Fake News durchzogenen gesellschaftlichen Diskurses.
Doch Nikutta-Wasmuht zeigt sich hoffnungsvoll: Sie sieht eine große Chance im Datenjournalismus, einem Berufsfeld, das in den Medienhäusern Deutschlands zunehmend gefördert und ausgebaut wird und wieder mehr Objektivität in Analysen und Berichte bringen kann. Eine “Renaissance der Statistik”. Immerhin sind insbesondere Journalist:innen auf der Suche nach der Wahrheit maßgeblich auf Zahlen und statistisch belegte Fakten angewiesen. Werden sie richtig interpretiert, stehen Statistiken für Verlässlichkeit und Transparenz.
Schließlich müssen allerdings auch Politiker:innen, Interessenvertreter:innen und insbesondere alle Bürger:innen lernen, kritisch und sensibel mit Statistik umzugehen. “Eines Tages wird statistisches Denken so wichtig sein für einen mündigen Bürger wie Lesen und Schreiben“, sagte schon 1951 der Statistiker Samuel S. Wilks.
Prof. Dr. Ulrike Nikutta-Wasmuht
Ihr beruflicher Werdegang ist geprägt von Forschung, Lehre und politischer Erwachsenenbildung auf den Gebieten Mathematik, qualitative und quantitative Forschungsmethoden sowie Statistik für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Nikutta-Wasmuht wurde am OSI habilitiert und war an verschiedenen Universitäten in den USA und in Deutschland tätig. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Forschung bezieht sich auf die Soziologie der Gewalt.
