Neugier, Engagement und Offenheit

Nachruf auf Professor Michael Bolle

Von Matthias Tang

Lange Zeit gehörten sie zu jedem Studium dazu: die roten UTBs, die Universitätstaschenbücher, Lehrbücher im Taschenbuchformat, kompakt und übersichtlich. Und wer sich in den siebziger und achtziger Jahren am OSI mit Arbeitsmarktpolitik beschäftigte, der kam an Michael Bolles UT 23, Volume 572 mit dem Titel „Arbeitsmarkttheorie und Arbeitsmarktpolitik“ nicht vorbei. Michael Bolle war von 1974 bis 2010 Professor für Internationale Politische Ökonomie am OSI und zählte weit über seine Emeritierung hinaus zu den prägenden Persönlichkeiten des Instituts.  Am 16. Januar ist er im Alter von 83 Jahren gestorben

Michael Bolle ging es, wie der Titel seines UTB schon verrät, nicht nur um die Theorie, sondern auch um die Politik. Sein Wissen in die Gesellschaft zu tragen, das war ihm ein wichtiges Anliegen. Sei es als Berater für die albanische Zentralbank, sei es in der Erwachsenenbildung. In den siebziger und achtziger Jahren kamen Gastaufenthalte in den USA dazu. Nach Mauerfall und Ende des Kalten Krieges galt sein Engagement dann der europäischen Integration. Das europäische Währungssystem und die Finanzkrise wurden wichtige Themen, was schließlich zur Leitung des Jean Monnet Centre of Excellence führte.

Was ihn neben aller wissenschaftlichen Exzellenz auszeichnete, waren Neugier und Offenheit. Er war immer ernsthaft interessiert an den Studierenden, Promovierenden und schließlich post docs. Mit seinem „Esprit, Charisma und seinem Wissensdrang“ hatte er „für uns eine prägende Bedeutung“, schrieben Doktorand:innen und Mitarbeitende in einer Todesanzeige. Als „Leidenschaftlichen Wissenschaftler, zugewandten Mentor und verlässlichen Freund“ beschreiben ihn Weggefährten. 

Seine Empathie zeigte sich auch in seinem Engagement für chinesische Studierende, Doktoranden und Gastwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler.  Viele davon sind heute Professor:innen an chinesischen Universitäten, sodass die Nachricht von seinem Tod auch dort zu großer Trauer führte.

So wie die roten UTBs, die längst im digitalen Zeitalter angekommen sind, ist auch Michael Bolle nie stehen geblieben, sondern hat sich immer für neue Entwicklungen interessiert und hat seine Neugier auf andere Menschen bewahrt. Eigenschaften, die auch heute einen erfolgreichen Hochschullehrer ausmachen.

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