Beflügeltes Klassenzimmer
Ehemaligentreffen der OSI-Zeitung
VON KLAAS JASPAR MOLL
Die Sonne brutzelt durch die Fenster des Klassenzimmers A in der Ihne 21. Ein paar jüngere Schüler:innen der OSI-Zeitung erwarten neugierig die Älteren und Alten der OSI-Zeitung. Ob es wohl Gemeinsamkeiten gibt? Vielleicht auch die Chance auf ein Praktikum?
Kurz zuvor erhielten alle, die sich schon seit Dekaden nicht mehr nach Dahlem verirrten, eine Führung: Bibliothek hier, Ausstellung dort. Jetzt strömt eine Menschentraube ins Klassenzimmer. Alle stellen sich vor, tuscheln, legen Sakkos ab auf Stühle mit Antifa-Aufklebern. Ältere OSIaner:innen erkennen ehemalige Kommiliton:innen. Wiedersehensfreude allerorten. Dann drehen sich Köpfe zum Pult: die Klassenlehrer:innen Frau Kolmar und Herr Walther (Herausgeber:innen der OSI-Zeitung) bauen sich auf. Mit warmen Worten leitet Christian Walther eine Vorstellungsrunde ein. Schüler:innen gründeten einst die OSI-Zeitung, ließen sie verkümmern und belebten sie wieder. Die Ehemaligen arbeiten in der Staatskanzlei in Dresden, schreiben die Liebeskolumne im Tagesspiegel oder begleiteten jahrelang Donald Trump.
Mitten unter ihnen sitzt jemand, der sich nicht am Getuschel beteiligt. Herr Walther nimmt Prof. Thomas Rixen dran. Es ist der neue Schulleiter, der neue Direktor am OSI. Neuigkeiten werden in den Klassenraum geworfen und kritisch hinterfragt. Welche Professuren werden von den Haushaltskürzungen betroffen sein? Ist die Methodenausbildung immer noch ein Manko? Warum sollen bald nur noch 45 Studis an einem Seminar teilnehmen können?
Nun ist die Tafel frei für Lothar Rast. Er lässt Bilder von der ersten Ausgabe der OSI-Zeitung an die Wand werfen, 1991 noch ein Heft lang „OSI intim“ genannt. Generationswechsel. Herr Walther zeigt auf Colin Ivory. Munter begibt sich der erprobte Klassensprecher (Redaktionsleiter) vor das Podium und klappt seine Rede auf dem Laptop auf. „Wir müssen noch intimer werden in der OSI-Zeitung“ und „Wir möchten eine Website erstellen“ nennt er zwei Ambitionen für die Zukunft.
Die Doppelstunde endet im Gespräch über Demokratie und Journalismus zwischen Ann-Kathrin Hipp (Tagesspiegel) und Henry Lohmar (Märkische Allgemeine), moderiert von Frau Kolmar. Lohmar erzählt, dass die MAZ in Landkreisen mit wenigen Einwohner:innen die Printausgabe einstellen musste, begleitet von E-Paper-Coachings für bejahrte Leser:innen. Und er berichtet, dass im Kommunalen der Umgang mit AfD-Wählenden weniger herausfordernd ist, wenn „Schlaglöcher nicht rot, blau oder grün, sondern tief sind“. Spotlight auf Ann-Kathrin Hipp. Sie besuchte kürzlich eine Schule, an der die Schüler:innen dachten, dass der Bundeskanzler den Tagesspiegel morgens anruft, um den redaktionellen Inhalt vorzuschreiben. Kurz nach Acht droht der Rauswurf. Mit leichter Verspätung verlassen OZler von Generation X bis Z das Zimmer und begeben sich zur Pizzeria nach Dahlem-Dorf. So einige Freundschaften leben an diesem Abend wieder auf und Insider von vor über 30 Jahren werden ausgepackt. Ganz im Stil von Justus und dem Nichtraucher aus Das fliegende Klassenzimmer.
