Wer zahlt mit Zeit?

 Was die 15-Minuten Stadt mit sozialer Gerechtigkeit zu tun hat 

Morgens um halb acht steht Julia P. mit ihrem vierjährigen Kind an der Bushaltestelle am Stadtrand. Drei Umstiege bis zur Kita, danach weiter zur Arbeit in die Innenstadt. Fast zwei Stunden ist sie jeden Morgen unterwegs – Zeit, die ihr für ihr soziales Netz, Erholung oder Engagement fehlt. Julias Alltag ist kein Einzelfall, sondern Alltag vieler Berliner:innen. Er zeigt: Der Zugang zu unserer Stadt ist ungleich verteilt.

Mobilität ist eine soziale Frage

Mobilität in Großstädten ist mehr als eine technische oder verkehrsplanerische Frage – sie entscheidet radikal über Teilhabe, Lebensqualität und Chancen. Die Idee kurzer Wege geht schon auf klassische Stadtplanung der 1920er Jahre zurück, ihre heutige Gerechtigkeitsdimension hat jedoch ihre theoretischen Wurzeln in feministischen, antikapitalistischen und intersektionalen Perspektiven auf städtische Räume. Studien zeigen, dass Menschen mit geringem Einkommen häufiger von sogenannter Mobilitätsarmut betroffen sind: Sie legen längere Wege zurück, haben schlechteren Zugang zum ÖPNV und verlieren täglich wertvolle Zeit. Auch Menschen mit internationaler Geschichte benötigen im Schnitt mehr Zeit für gleich lange Wege, ebenso FLINTA* und Menschen mit Sorgeverantwortung, die oft komplexere und längere Alltagsrouten bewältigen müssen.

Diese ungleiche Verteilung von Zeit – sogenannte „Zeitungleichheit“ – verstärkt soziale Ungleichheiten. Besonders in Städten wie Berlin zeigt sich das deutlich: In vielen Stadtvierteln kommen Armut, Umweltbelastungen, schlechte Infrastruktur und eingeschränkte Mobilitätsoptionen zusammen. Wer weit draußen wohnt, zahlt oft mit Zeit.

Andere Städte zeigen: Es geht auch anders

Internationale Beispiele machen deutlich, dass Stadtentwicklung gerechter gestaltet werden kann. In Barcelona wurden seit 2016 sogenannte Superblocks („Superilles“) eingeführt: Der Auto-Durchgangsverkehr wird stark eingeschränkt, Straßenraum für Fuß- und Radverkehr sowie für Aufenthalt umgewidmet. In einzelnen Quartieren sank der Autoverkehr drastisch, während Sicherheit, Aufenthalts- und Lebensqualität stiegen. Der Effekt ist nicht nur ökologisch, sondern auch sozial; öffentlicher Raum wird für alle nutzbar.

Paris verfolgt mit der „15-Minuten-Stadt“ (“Ville du quart d’heure“) einen ähnlichen Ansatz. Ziel ist es, dass alle wichtigen Alltagsfunktionen (Wohnen, Arbeit, Bildung, Einkauf, Freizeit) innerhalb von 15 Minuten erreichbar sind. Grundlage ist eine polyzentrische Stadtstruktur mit dichter Nahversorgung, kurzen Wegen und weniger Autonutzung. Das reduziert Abhängigkeiten, spart Zeit und stärkt lokale Nachbarschaften.

Auch außerhalb Europas gibt es erfolgreiche Beispiele. In Portland (USA) werden seit Jahren „20-Minute Neighborhoods“ entwickelt. Durch schrittweise, partizipative Planung und den Ausbau von Infrastruktur gelten heute über 60 % der Haushalte als gut versorgt. Entscheidend ist dabei die Kombination aus Mobilität, Nahversorgung und Beteiligung.

Und Berlin?

Politisch ist die Idee auch hier angekommen: Das Abgeordnetenhaus beschloss 2023 die Umsetzung der 15-Minuten-Stadt, sie ist Teil der Smart-City-Strategie des Senats und wird sogar touristisch vermarktet. Auch auf Bundesebene werden entsprechende Projekte gefördert. In der Praxis jedoch bleibt die Umsetzung zögerlich. Modellprojekte wie die Berliner „Kiezblocks“ wurden gestoppt; Zuständigkeiten sind fragmentiert; Debatten über Parkplätze, Lieferverkehr und Finanzierung blockieren Fortschritte.

Anders als in Barcelona oder Paris bleibt das Zukunftspotenzial Berlins bislang abstrakt. Projekte sind punktuell, oft symbolisch, und selten spürbar für diejenigen, die lange Wege und Zeitverlust am stärksten betreffen.

Fazit

Die Vision einer Stadt, in der kurze Wege nicht vom Einkommen oder Wohnort abhängen, existiert längst. Doch solange sie nicht konkret, sichtbar und sozial priorisiert umgesetzt wird, bleibt sie ein Versprechen. Die 15-Minuten-Stadt ist kein Lifestyle-Konzept, sondern ein wichtiges Instrument für mehr Gerechtigkeit. Ob Berlin diesen Anspruch einlösen wird, entscheidet sich nicht in Strategiepapieren, sondern im erlebten Alltag der Berliner:innen.

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