Der Kandidat
VON CHRISTINE KOLMAR, TIMO GEMMEKE UND SIMON SCHUSTER
Es ist eher leise, wie er den Raum betritt, dennoch mit hoher Energie, Präsenz, Konzentration. Wenn Steffen Krach seine alte Alma Mater besucht, merkt man ihm eine gewisse Freude an vergangenen Zeiten an. Doch eigentlich interessiert den SPD-Spitzenkandidaten für die Abgeordnetenhauswahlen im September nur eines: Er will diese Stadt, die er schon als Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung durchkämmt hat, am liebsten ganz neu formatieren. Behutsam, wenn möglich im Team mit allen, aber vor allem entschlossen. Ein Mann von klaren Entscheidungen, ohne langes Rumdiskutieren. Das ist die Botschaft, die er von sich verbreiten will.
Ein professioneller Auftritt im Hörsaal A des Otto-Suhr-Instituts. Aber was konkret heißt das für die zahlreichen Problemfelder Berlins?
20.000 neue Wohnungen pro Jahr, aber keine auf dem Tempelhofer Feld
Die Wohnungsnot in Berlin ist natürlich auch für Krach eines der vordringlichsten Themen. Er will sie, so wie auch die aktuelle schwarz-rote Koalition, durch Neubau angehen. 20 000 neue Wohnungen pro Jahr sollten gebaut werden. Private Investoren sind für Krach, den noch amtierenden Regionspräsidenten Hannovers, sehr willkommen, „solange sie sich an die Gesetze halten.“ Sollten Bauverfahren auf Bezirksebene zu lange dauern, müsse der Senat zudem direkt eingreifen können.
Eine Randbebauung des Tempelhofer Feldes schließt Krach klar aus: „Sie löst keine Wohnungsnot.” Sein Standpunkt: „Es gibt genügend andere freie Flächen in Berlin, die entwickelt werden müssen.“ Sein wichtigstes Argument gegen die Randbebauung ist jedoch, dass die langjährige Diskussion nach dem Volksentscheid von 2014 beendet werden muss. „Man muss entscheiden”, sonst entstehe nur Frust.
Bei der Thematik des Volksentscheids zur Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen will sich Krach – anders als die Linke, die klar für die Vergesellschaftung plädiert – nicht festlegen. Die Frage, ob er hier Positionen möglicher Koalitionspartner noch austarieren will, verneint er.
Krach sagt Mietwucher den Kampf an
Gegen Mietwucher und Kurzzeitmieten will Krach gesetzlich eingreifen und bestehende Regeln stärker durchsetzen. „Das größte Problem ist, dass Mieter:innen aus Angst nicht klagen“, sagt er. Die Menschen müssten juristisch durch eine Mietaufsicht unterstützt werden. Auch fordert Krach das Verbot von Dauerferienvermietung, die ganze Straßenzüge unbewohnbar mache. Wenn man hier nicht konsequent agiere, gehe das Vertrauen in den Staat verloren.
Auf die Frage nach den knappen Wohnheimplätzen für Studierende und Auszubildende räumt Krach ein, dass diese Entwicklung verschlafen wurde, auch teilweise unter seiner Zuständigkeit. Neben einem Ausbau von Wohnheimplätzen für Studierende würde er ein eigenes „Azubiwerk“ schaffen, denn Auszubildende hätten eine ähnlich schwere Situation auf dem Wohnungsmarkt wie Studierende.
Wunsch nach Rückkehr des 49-Euro-Tickets, Absage an “Berlin autofrei”
Krach will in seiner Verkehrspolitik vor allem auf Anreize und Angebote setzen. U-Bahnstrecken wie die U7 und U8 sollten ausgebaut und die Außenbezirke mit On-Demand-Bussen ausgestattet werden, letzteres sei günstig und schnell umsetzbar. Das Berliner Radwegenetz sei aktuell bereits “besser als sein Ruf”, müsse jedoch ebenfalls erweitert werden. Attraktiv sei ÖPNV, wenn er für alle bezahlbar sei, so Krach. Das Deutschlandticket sei “eine der größten Errungenschaften der Ampelregierung”, er will sich im Bund dafür einsetzen, dass der Preis wieder auf 49 Euro sinkt und ist bereit, auch den Landesanteil dafür zu sichern.
Klar positioniert sich Krach zum Volksentscheid “Berlin autofrei” – er ist dagegen und will “keinen Kampf gegen das Auto führen”. Die aktuellen Pläne zur Torstraße (siehe Seite….) zeigten dennoch, dass das Auto immer noch zu sehr im Mittelpunkt stehe. “Das ist ein Beispiel dafür, dass die aktuelle Koalition im Verkehrsbereich nicht weit vorangekommen ist. Da müssen wir generell umdenken”, so Krach.
Wie er die vielen, teils gegensätzlichen Interessen in der Berliner Verkehrspolitik vereinen und die Verkehrswende auch gegen Widerstände umsetzen will, dazu bleibt Krach vage. Seine Konfliktlösungsstrategie: Man müsse sein Vorhaben transparent machen, es dann aber auch umsetzen. Er treffe seine Entscheidungen aber auch “nicht am Schreibtisch”, sondern beziehe immer verschiedene Stimmen mit ein.
Berlin als neuer Hafen für US-Wissenschaftselite?
Zu den Kürzungen an den Berliner Unis im vergangenen Jahr wird Krach deutlich: “Das hat einiges an Vertrauen gekostet”. Krach hatte unter Bürgermeister Müller wesentlich an der Verhandlung der Hochschulverträge mitgewirkt, im letzten Jahr ist die Landesregierung dann einseitig aus den Verträgen ausgestiegen.
Als möglicher Regierender Bürgermeister wolle er den Wissenschaftsstandort Berlin wieder stärken. “Mein Wunsch ist es, dass wir durch Kooperationen mit Wissenschaft und Industrie auch Krisensituationen künftig besser überstehen”, so Krach. Eine starke Wissenschaftslandschaft komme auch der Wirtschaft zugute. Zudem könne Berlin zur neuen Anlaufstelle für US-Wissenschaftler:innen werden, die durch Trumps wissenschaftsfeindliche Politik unter Druck geraten seien.
Finanzieren will Krach die Zukunft Berlins über verschiedene Wege. Vor allem das Wirtschaftswachstum möchte er vorantreiben und damit die Steuereinnahmen stärken. Eine digitalisierte Verwaltung würde großes Einsparpotenzial bringen und gleichzeitig effizienter arbeiten. Als konkretes Beispiel für mehr kommunale Einnahmen nennt er die deutliche Erhöhung der Gebühren für das Anwohnerparken. Andere Sparmaßnahmen – oder Bereiche, in denen dies möglich und sinnvoll sei – nennt Krach kaum.
Nur dies: Der “Standortfaktor Wissenschaft” biete enormes Potenzial, das derzeit noch nicht ausgeschöpft sei. Als Beispiel nennt Krach das Berliner Institut für Gesundheitsforschung an der Charite, das globale Spitzenforschung auch in Industrie und Wirtschaft trage. Außerdem setzt Krach auf Großevents wie die Expo 2035, die eine “Riesenchance” und Aufschwung für die Hauptstadt bringen würden.
Zwischen einigen klaren Positionierungen und offenen Umsetzungsfragen zeigt sich eine zentrale Spannung des Abends: Krachs Anspruch, Berlin neu zu gestalten, trifft auf harte finanzielle Realitäten und komplexe politische Herausforderungen – sowohl in seiner eigenen Partei wie auch in der Frage einer künftigen Koalition in Berlin.
Steffen Krach studierte von 2002 bis 2005 am OSI und schloss mit einer Diplomarbeit über Grundbildungsförderung in Entwicklungsländern ab. Nach einer Zwischenstation als Referent in der Landesvertretung Rheinland-Pfalz war er von 2007 bis 2016 vor allem in der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung des Landes Berlin in verschiedenen Positionen tätig, zuletzt als Staatssekretär für Wissenschaft. In der Legislaturperiode 2016 bis 2021 führte er dieses Amt mit der Erweiterung um den Bereich Forschung fort. Seit Ende 2021 ist der gebürtige Hannoveraner Präsident der Region Hannover. Im August 2025 nominierte der SPD-Landesvorstand Krach zum Spitzenkandidaten für die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus 2026.
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