Build Back Better
WarumderUkraine-WiederaufbauzurChancefürnachhaltigeStadtentwicklung wird
VON NORA HÖLLER
Wenn man das Haus in der Wolodymyrskaya 71 im Zentrum von Kiew betritt, riecht es nach Katzenurin, der Putz bröckelt von den Wänden und aus dem offenen Stromkasten auf dem Weg nach oben ragen lose Kabel und eine tote Fledermaus heraus. Doch hinter der Tür im fünften Stock liegt eine helle, moderne, renovierte Wohnung. Ein Kontrast, der größer kaum sein könnte, aber den Zustand vieler Wohnhäuser in der Ukraine widerspiegelt.
Seit dem russischen Angriffskrieg sind schätzungsweise 13 % des Wohnungsbestands stark beschädigt oder zerstört, wie eine gemeinsame Analyse der Weltbankgruppe, der ukrainischen Regierung, der EU-Kommission und der UN ergab. Doch schon vor dem Krieg waren viele Gebäude in schlechtem Zustand und verzeichneten einen drei- bis viermal höheren Energieverbrauch als ihre westeuropäischen Nachbarn. Denn Gebäude-Sanierungen standen weder in der Sowjetunion noch nach ihrem Zerfall auf der Tagesordnung. Das bringt nicht nur schlechte Lebensbedingungen für die Bewohnenden mit sich, sondern auch hohe Emissionen und somit eine klimapolitische Herausforderung.
Resilienter bauen, sozialer wohnen
Auch wenn es widersinnig klingt: Jetzt im Krieg, wo täglich Tod, Zerstörung und Vertreibung die Ukraine prägen, keimen erste Bemühungen, es in Zukunft besser zu machen. „Build Ukraine Back Better“ lautet das Motto! Besser heißt dabei, man setze auf eine resilientere, klimafreundliche Bauweise und auf eine soziale Wohnungswirtschaft, erklärt Klaus Leuchtmann. Er ist Vorstandsvorsitzender der „Initiative Wohnungswirtschaft Osteuropa“ (IWO), die sich seit bald 25 Jahren der Projekt- und Vernetzungsarbeit zum Thema energieeffizientes Sanieren und Bauen in Osteuropa, dem Kaukasus und Zentralasien widmet. Das Ziel des Vereins ist unter anderem, Wissenstransfers durchzuführen, vor Ort zu beraten und Kontakte zu deutschen Partnern herzustellen, so OSI-Alumnus Leuchtmann.
Städtische Wohnungsbauunternehmen aufbauen
Die IWO engagiert sich auch beim Wiederaufbau in der Ukraine und unterstützt sie bei der Gründung kommunaler Wohnungsunternehmen. Der Großteil der ukrainischen Wohnungen wurde nach dem Zerfall der Sowjetunion an ihre Bewohner:innen im Grunde “verschenkt”. Das hat nicht nur zu großen Mängeln in der Instandhaltung geführt, sondern auch einen unregulierten Mietmarkt mit horrenden Preisen geschaffen. Weil die meisten Wohnungen in privatem Besitz sind, gibt es keine übergeordneten Entscheidungsträger:innen, die Sanierungen umsetzen oder Mieten regulieren. Dieser Entwicklung könne durch die städtischen Wohnungsbauunternehmen entgegengewirkt werden, erklärt Leuchtmann.
Das würde auch den mehr als vier Millionen Binnenflüchtlingen zugutekommen, von denen viele auf der Suche nach Wohnungen sind. Denn laut Zahlen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind diese besonders überlastet: Mehr als ein Drittel muss über 70 % des Monatseinkommens für die Miete aufbringen – weit mehr als die empfohlenen 30 %. Mietpreise regulieren, Sanierungsvorhaben umsetzen und somit nachhaltig sozialen, bezahlbaren Wohnraum sichern, sind nicht die einzigen Vorteile, die Leuchtmann in kommunalen Wohnungsbaustrategien erkennt.
Klimaschutz und Energieeffizienz mitdenken
Das Projekt „Strengthening Urban Resilience” ist eines der Beispiele, bei denen die IWO im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) aktuell Bedarfsanalysen für vier ukrainische Städte erstellt, um anschließend dort städtische Wohnungsstrategien zu erarbeiten und kommunale Wohnungsunternehmen zu gründen. Ein weiterer Vorteil wäre, dass diese dann in der Lage sind, internationale Fördermittel entgegenzunehmen und einzusetzen – denn privaten Wohneigentümern geben Institutionen in der Regel kein Geld, so Leuchtmann.
Eine weitere Aufgabe ist, noch intakte Gebäude energieeffizient zu sanieren. Allein gedämmte Wände, sowie dichte Fenster können enorme Energieeinsparungen bringen. Auch darin hat die IWO bereits Erfahrung: Beispielsweise wurden nach ihrer Beratung in den 2010er Jahren in Lettland Modellprojekte durchgeführt, bei denen Wohngebäude umfangreich saniert wurden. Das Resultat waren hohe Energiesparerfolge. Es fehlt allerdings weiterhin die flächendeckende Umsetzung solcher Vorhaben. Das anfangs beschriebene Haus ist ein Beispiel dafür, dass schon vor dem Krieg ein dringender Modernisierungsbedarf bei schätzungsweise einem Drittel der Mehrfamilienhäuser in der Ukraine bestand, erklärt Leuchtmann. Jetzt kommt noch die massive Zerstörung durch den laufenden Krieg dazu. Das kostet alles viel Geld.
Konzertierte Unterstützung
Neben Nichtregierungsorganisationen wie der IWO, beteiligt sich bereits auch die EU in großem Umfang am nachhaltigen Wiederaufbau des Landes. Auch Deutschland solidarisiert sich mit dem vom Krieg betroffenen Land. Die Bundesregierung leistet finanzielle Unterstützung in Milliardenhöhe und hat u.a. die ”Plattform Wiederaufbau Ukraine” ins Leben gerufen. Hier vernetzen sich verschiedenste Akteure unter anderem auch zum nachhaltigen Aufbau des Wohn- und Gebäudesektors in der Ukraine. Die GIZ finanziert mit Geldern der Bundesregierung und der EU derzeit 45 Projekte in der Ukraine, wobei der Klimaschutz im Rahmen des Wiederaufbaus im Fokus steht.
Trotz der finanziellen Herausforderung haben sich Deutschland und Europa zu einer solidarischen Beteiligung am Wiederaufbau der Ukraine verpflichtet. Allen ist klar, dass sie dabei auch eine klimapolitische Verantwortung tragen. Denn: Der Klimawandel macht keinen Halt vor nationalstaatlichen Grenzen und pausiert auch nicht während Kriegen. Die globalen Krisen wie der Klimawandel können nur international und mit gemeinsamer Anstrengung gelöst werden. Für den Fall der Ukraine heißt das: der Wiederaufbau geht nicht nur das Land selbst an, sondern – etwa mit Blick auf Klimaschutz und Sicherheitspolitik – die gesamte Staatengemeinschaft.
Klaus Leuchtmann hat in den 80er Jahren am OSI studiert. Seit 18 Jahren ist er Chairman of the Board beim Europäischen Bildungszentrum der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft (EBZ). Seine wesentliche Aufgabe sieht er dort in der Verknüpfung von politischer Bildung mit der Wohnungswirtschaft. Ehrenamtlich arbeitet er im Vorstand des gemeinnützigen Vereins „Initiative Wohnungswirtschaft Osteuropa“, der sich seit bald 25 Jahren der Projekt- und Vernetzungsarbeit zum Thema energieeffizientes Sanieren und Bauen in Osteuropa, dem Kaukasus und Zentralasien widmet.
