Das OSI und die Stasi

Untergründige Geschichten aus dem geteilten Berlin

VON JOCHEN STAADT

Das DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS oder Stasi) stufte 1950 die Deutsche Hochschule für Politik (DHfP) als Spionagezentrum und „feindliche Einrichtung“ ein. Letzteres galt bis 1989 auch für die Nachfolgeeinrichtung an der FU, das OSI. 

Heinz Ebel aus Werder hieß einer der ersten Stasi-Agenten an der DHfP. In Werder unterwanderte er für das MfS eine oppositionelle Jugendgruppe. Auch sein Kommilitone Werner Bork hielt Kontakt zu dieser Gruppe und schmuggelte für sie Flugblätter aus West-Berlin über die Grenze. Mit Ebels Hilfe flog die Widerstandsgruppe auf. Ein Sowjetisches Militärgericht verurteilte zwei Frauen und fünf Männer der Gruppe zum Tode. Sie wurden 1952 in Moskau erschossen. Bork entging im Mai ‘53 nur knapp einer Entführung in den Osten. Doch er konnte Heinz Ebel überwältigen, der mit Ätherfläschchen und Schlafmitteln in seine Zehlendorfer Wohnung eingedrungen war. Ebel wurde wegen Landesverrats zu 15 Monaten Haft verurteilt. 

Der OSI-Student Hagen Blau wurde 1959 als „Perspektivagent“ des MfS angeworben. Die in ihn gesetzte Erwartung bestätigte Blau 1961, als er sich erfolgreich beim Auswärtigen Amt bewarb und es dort bis zum Referatsleiter brachte. Insgesamt 1.564 Informationseingänge von Blau alias „Merten“ registrierte das MfS von 1973 bis 1989. Er wurde 1990 festgenommen und zu sechs Jahren Haft verurteilt. 

Edgar Guhde, ein West-Berliner SED-Mitglied, studierte seit 1957 an der DHfP. Die SED schloss ihn im gleichen Jahr aus, da er sich für einen demokratischen Sozialismus einsetzte. Bei einer S-Bahn-Fahrt durch Ost-Berlin fiel er im Dezember 1957 MfS-Fahndern in die Hände. Die gegen ihn verhängte Zuchthausstrafe von acht Jahren musste er nicht absitzen, da er sich zur Kooperation bereit erklärte. Nach seiner Haftentlassung aus „operativen Gründen“ nahm er 1962 das Studium in Dahlem wieder auf. Unter dem Decknamen „Werner Blum“ berichtete er der Stasi bis 1968 über die Entwicklung der Neuen Linken und seine OSI-Professoren.

Doppelagent

Im Oktober 1959 begann die langjährige Zusammenarbeit des OSI-Studenten Walter Barthel mit dem DDR-Staatssicherheitsdienst. Barthel war 1958 von Ost- nach West-Berlin geflüchtet. Er trat dem SDS bei und wurde 1960 dessen hauptamtlicher Sekretär. Für das MfS besorgte Barthel alias IM „Kurt“ Informationen über FU-Fluchthelfer und die Neue Linke. Zugleich verdingte er sich mit Wissen des MfS auch beim Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV). Den Berliner-Extra-Dienst, für den Barthel seit 1967 arbeitete, nutzte das MfS für seine Desinformationskampagnen.

Barthels Freund Dietrich Staritz spitzelte seit 1961 als IM „Erich“ für das MfS und zugleich mit Decknamen „Rabe“ für den Verfassungsschutz. Nach seiner Promotion am OSI ging Staritz 1968 als Journalist zum Spiegel, ‘72 kehrte er als Assistenzprofessor ans OSI zurück und brach seine Stasi-Kontakte ab. Seine Habilitation „Sozialismus in einem halben Lande“ wurde ein Bestseller der DDR-Forschung. Staritz wechselte 1982 auf eine Professur an die Uni Mannheim. Als seine MfS-Beziehungen 1994 bekannt wurden, behauptete er, diese seien „gewissermaßen legalisiert“ gewesen, da der Verfassungsschutz davon wusste.

Im Dezember 1962 ließ sich der Gymnasiast Walter Völkel bei einem Ost-Berlin-Besuch als Spitzel anwerben. Er schrieb sich am OSI ein und trat dem Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB) bei. Zunächst beobachtete er als IM „Walter Rosenow“ Aktivisten der Studentenbewegung. Später, als Wissenschaftler in der DDR-Abteilung des FU-Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, lieferte er bis 1989 Dossiers über alles und jeden aus der westdeutschen DDR-Forschung.

Hanns-Dieter Jacobsen kam 1968 als FU-Student mit der Stasi in Kontakt. Er arbeitete nach dem Studium bei der „Stiftung Wissenschaft und Politik“ und ab 1988 als Professor am OSI, dessen Dekan er bei seiner Festnahme im Jahr 1992 war. Bis 1989 registrierte das MfS 497 Informationseingänge von Jacobsen, die zumeist außenpolitische Fragen betrafen.

Bernard Langfermann, der zum Herausgeberkreis der OSI-Zeitschrift Sozialistische Politik (SoPo) gehörte, bot sich 1970 selbst der Stasi an. Er hatte Kontakt zu fluchtwilligen DDR-Bürgern aufgenommen und verriet deren Pläne dem MfS. Mehrere der von ihm Verratenen erhielten langjährige Haftstrafen.

Spion mit Reue   

Jürgen-Bernd Runge war 1968 OSI-Student und RCDS-Vorsitzender an der FU. Er driftete im Zuge seiner Auseinandersetzung mit der 68er Bewegung nach links ab und ließ sich von der MfS-Auslandsspionage anwerben. Runge trat in die FDP ein, wurde Bundesgeschäftsführer der Jungdemokraten und arbeitete ab 1975 in der FDP-Bundesgeschäftsstelle. Seit 1978 war er Mitarbeiter des FDP-Vorstandsmitglieds und Bundestagsabgeordneten William Borm. Dass Borm ebenfalls Stasi-Agent war, erfuhr Runge nur durch Zufall. Runges Stasi-Tätigkeit endete 1983. Im Unterschied zu allen anderen hier Genannten kritisierte er sein Verhalten deutlich und in aller Öffentlichkeit:„Ich musste mich fragen, warum ich den letztlich menschenverachtenden, totalitären Charakter des realen Sozialismus nicht habe sehen wollen“ und bedauerte, „dass ich das Vertrauen von Menschen missbraucht habe, indem ich über sie berichtete.“

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