Die Dahlem Tour
Per App durch die Wissenschaftsgeschichte
VON MARA SCHREINER
Wer heute durch Dahlem spaziert, spaziert durch deutsche Wissenschaftsgeschichte – und das nicht nur, weil hier 1948 die FU gegründet wurde. Geschichte schrieb das Quartier schon früher. Denn am heutigen Campus sollte das „deutsche Oxford“ entstehen. Und tatsächlich versammelte sich hier – beginnend in der Kaiserzeit – die Hautevolee der Deutschen Wissenschaft, darunter Nobelpreisträger wie Fritz Haber, Albert Einstein, Werner Heisenberg und Otto Hahn. Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft sollte außeruniversitäre Forschung ermöglichen, auch in Zusammenarbeit mit der Industrie, vor allem im Bereich der Grundlagenforschung. Und das auf einem Niveau, das die deutsche Forschung international konkurrenzfähig hält. Dafür entstanden in Dahlem ab 1912 zahlreiche Institute, meist geplant vom Hofarchitekten Ernst von Ihne.
Die Max-Planck-Gesellschaft, Nachfolgerin der 1911 gegründeten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, hat die App „DahlemTour“ entwickelt, die die Geschichte des Wissenschaftsstandortes multimedial erfahrbar macht. Auf den Spuren der Nobelpreisträger führt die circa zweistündige Tour ja an zehn Stationen vorbei, den ehemaligen Instituten. Sie zeigt dabei nicht nur die Arbeitsorte, sondern verbindet persönliche Schicksale, wissenschaftliche Innovationen und Schattenseiten der Geschichte.
Der wissenschaftliche und persönliche Austausch sollte damals besonders gefördert werden. Ein zentraler Ort war das Harnack-Haus. Es sollte als Gästehaus und Begegnungszentrum dienen, wo beim gemeinsamen Filmschauen, Mittagessen oder Tennisspielen Gelegenheiten zum akademischen und kollegialen Miteinander geboten wurden. Die meisten Direktoren der Institute hatten am Campus ihre eigene Villa. So auch der Chemiker und Direktor des Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie, Fritz Haber. Seine repräsentative Villa wurde oft für gesellige Abende genutzt. Doch sein glamouröses Leben wankte. Während des Ersten Weltkriegs leitete Haber die deutsche Giftgasforschung, was zu schweren Konflikten mit seiner Frau Clara Immerwahr und auch mit Einstein führte, die entschiedene Pazifisten waren. Immerwahr nahm sich – aus welchen Gründen auch immer – 1915 das Leben. Einstein lebte von 1914 bis 1932 in Berlin und entwickelte in dieser Zeit die Relativitätstheorie. Er leitete das Institut für Physik, das zwar schon 1917 gegründet wurde, aber lange nur in Einsteins Arbeitszimmer existierte, in seiner Schöneberger Wohnung. 1937, bei der Eröffnung des Institutsneubaus an der Boltzmannstraße, war Einstein jedoch längst in den USA, wo er nach der Machtergreifung der Nazis auch geblieben war.
Während des Nationalsozialismus wurde die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft gleichgeschaltet. Jüdische Beschäftigte wurden entlassen oder zur Flucht ins Exil genötigt. Am Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik in der Ihnestraße 22 wurde die Rassenideologie der NS-Politik pseudowissenschaftlich legitimiert.
Auch die Physikerin Lise Meitner, eine der wenigen Frauen, die in Dahlem forschten, musste aufgrund ihrer jüdischen Herkunft fliehen. Sie lieferte mit Otto Robert Frisch aus dem Exil die theoretische Erklärung zur Kernspaltung, die Otto Hahn und Fritz Straßmann 1938 in ihrem Institut an der Thielallee entdeckt hatten.
Der Campus lässt sich nicht nur per App erkunden. Die Max-Planck-Gesellschaft bietet im Sommer am ersten Sonntag des Monats Führungen an. So sind alle eingeladen, in die Historie des Wissenschaftsstandorts Dahlem einzutauchen.
