Die Sprache der Enttäuschung

Max Czollek schreibt seit dem Studium Lyrik  

VON MARIE ZWICKER

Wie wird man Lyriker? Wenn man schreiben will, sollte man nicht Literatur studieren, hatte man ihm früh gesagt. Und um nicht Politik machen zu müssen, studiert man Politikwissenschaft. Heute tourt Max Czollek mit seinen Texten durch die Republik, liest auf Bühnen, seine Essays sind Bestseller. 

Zwischen seinen beiden Versuchungen Kunst und Politik wurde Czollek sozialisiert: Sein Vater war Dichter, Sänger und Politiker. Das Judentum, mit dem er aufwuchs, verstand sich “vor allem als Kampf für eine bessere Welt”. Er besuchte die Jüdische Oberschule, wagte sich dann für das Studium am OSI ins “langweilige” West-Berlin. Einen Plan habe der heute 38-Jährige nie gehabt. Für die OSI-Zeitung schrieb er damals über die Bachelor-Reform oder über Proteste gegen die Abschaffung der Professur für Ideengeschichte. In der Mitte des Studiums begann er, Lyrik zu schreiben. Linke französische Theorie und Frankfurter Schule – die systematische politikwissenschaftliche Ausbildung beschreibt Czollek als fundamental für seine Orientierung in der Welt und für die Planung seiner Interventionen. 2016 initiierte er etwa den „Desintegrationskongress“ am Maxim Gorki Theater, bei dem zeitgenössische jüdische Stimmen zusammenkamen, gemeinsam Theater machten und in Diskurs traten. Das viel diskutierte Essay Desintegriert euch! ist eine direkte künstlerische Umsetzung jener Analysen, die während seiner Promotion am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin entstanden.

Czolleks zuletzt veröffentlichter Gedichtband fragt, was nach den Erzählungen der „guten Enden“ in der deutschen Erinnerungspolitik geschieht – es ist die Bewältigung einer Gegenwart, in der das Versprechen der überwundenen deutschen Gewaltgeschichte nicht eingelöst wird. Schmerz und Hoffnungsverlust sprechen aus den Texten. Lyrik ist für ihn die Möglichkeit, Gedanken der Toten aufzugreifen, „mit den Toten ein Gespräch zu führen, mit denen, die hier sein sollten“. Czollek selbst verlor früh seinen Vater. Auf politischer Ebene könne in der Literatur „eine Gerechtigkeit realisiert werden, die auf weltlicher Ebene nicht mehr realisiert werden wird“.

Verschiedene Ausstellungen, die er kuratiert oder begleitet hat, setzen sich mit dem Ringen nach Gerechtigkeit auseinander. Für das Haus der Kulturen der Welt leitet er Gesprächsreihen zum Thema Heimat und stellt sich im gleichnamigen Podcast die Frage: “Wem gehört Deutschland?”  Er selbst, sagt er, könne sich ein Deutschland, „in dem nicht ACAB an der Hauswand steht“, nicht vorstellen. Auch deshalb kehrt er nach Lesereisen oder Lehraufträgen immer wieder in seine Heimatstadt Berlin zurück.

Dennoch sagt er: „Man kann auch nicht ewig traurig sein.“  Dass das Erstarken der Rechten so lange gedauert hat, gebe ihm fast schon wieder Hoffnung. Es geht darum, Antworten auf die Frage zu finden, wie man weitermacht. Er rät, „sich selbst eine Aufgabe zu finden, und dann Leute, die diese Leidenschaft teilen“. Gemeinsam mit der Journalistin Hadija Haruna-Oelker veröffentlichte er letztes Jahr den Essay Alles auf Anfang. In dialogischer Form reflektieren sie die deutsche Gesellschaft und fordern das Schaffen einer gemeinsamen, pluralen Erinnerungskultur. 

falls ihr mal eine kapsel

für die goldenen zwanziger dieses jahrtausends füllt

vergesst nicht die erinnerung daran

wie traurig wir gewesen sind

Auszug aus: “vancouver in einem bild”, aus dem Gedichtband “gute Enden” (2024, Verlagshaus Berlin)

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