Im Angesicht der Autokraten

Sonja Schiffers arbeitet für Böll in Georgien

VON LARA WAGNER

„Ich kam im Januar 2014 aus einem dunklen St. Petersburg in ein helles, sonniges Tbilissi“, beschreibt Sonja Schiffers ihr damaliges Praktikum in Georgien und meint damit nicht nur das gute Wetter im Südkaukasus. Auch die Möglichkeiten der Zivilgesellschaft haben die heutige Leiterin des dortigen Regionalbüros der Heinrich-Böll-Stiftung nach ihrem „politisch sehr deprimierenden“ Auslandssemester tief beeindruckt.

Doch erst mal Berlin: Auf den OSI-Master Internationale Beziehungen folgt eine Promotion zur russischen und türkischen Einflussnahme in Georgien und Bosnien. Das Buch dazu (demnächst bei Bloomsbury) sei „the worst of both worlds, wissenschaftlich, aber dennoch politisch“, sagt Schiffers mit Augenzwinkern. Ein Urteil, das auch auf ihre Karriere passt. Forschungs- und Lehraufenthalte in Georgien, Bosnien und Moskau reihen sich an Einsätze als Wahlbeobachterin sowie Tätigkeiten bei der Stiftung Wissenschaft und Politik und im Bundestag – immer mit Fokus auf Osteuropa, Demokratie und Außenpolitik.

Nach der Promotion kehrt Schiffers 2021 als Leiterin ins Böll-Büro zurück – ins Land jener autokratischen Tendenzen, die sie zuvor noch analysiert hat. Denn die vormals proeuropäische Politik in Georgien begann 2021 schon zu kippen. Ein homophobes „Familienwerte“-Gesetz, mutmaßliche Wahlfälschung und Journalist:innen und Oppositionelle hinter Gittern folgten. Seit 2024 müssen sich zivilgesellschaftliche Organisationen, die Geld aus dem Ausland bekommen, als ausländische Agenten registrieren, und seit 2025 solche Zuwendungen von der Regierung genehmigen lassen. Die Arbeit kritischer Organisationen soll damit offensichtlich zum Erliegen gebracht werden. 

Obwohl die Böll-Stiftung noch toleriert wird, ist die Arbeit des Büros durch die Einschränkungen der georgischen Partner betroffen. Weiter geht es trotzdem – mit Bildungsarbeit wie einem feministischen Buch über Care-Arbeit, Resilienztrainings  für die Zivilgesellschaft, aber auch der Unterstützung politischer Gefangener in Aserbaidschan. 

Der autoritäre Umschwung trifft auch das Private. Schiffers muss damit rechnen, abgehört zu werden. Demonstrationen besucht sie grundsätzlich nicht, um den Staatsorganen keine Vorwände für Repressionen zu liefern. Es sei „kein unbeschwertes Leben. Klar, man geht weiterhin in Restaurants, die sind auch voll, aber man diskutiert die politische Lage. Viele sind frustriert und sehen keinen Ausweg.“ 

Trotz vieler Einschränkungen brennt Schiffers für ihre Arbeit. Auf die Frage nach ihren Hobbys scherzt sie „Dienstreisen am Wochenende“. Sich auch in der Freizeit mit Politik zu beschäftigen, sei nicht primär Belastung, sondern „Teil der intrinsischen Motivation“.

Und weil man „Hoffnung nicht hat, sondern schafft“, möchte Sonja Schiffers noch eine Zeit in Georgien weiterarbeiten und dabei den Glauben an eine bessere Zukunft für das Land nicht verlieren. Und an eine Rückkehr jenes Lichts, das es 2014 durchflutete. 

Nach oben scrollen