Interesse an Hochschulpolitik bleibt gering

Braucht es heute überhaupt noch Fachschaften?

Von Melissa Böhler

In der Ihnestraße 21, gegenüber dem gläsernen Lesesaal, stehen zwei Wahlkabinen. Davor ein Absperrband, um die vermeintlichen Horden von Studierenden zu ordnen, die zwischen dem 3. und dem 5. Juni hier ihre Stimme für die Wahl zum Studierendenparlament abgeben. Doch nur sehr wenige Studierende schaffen den Weg zur Wahlurne. Bei dieser Wahl waren es gerade einmal  5,29 Prozent. Doch warum ist das so?

Es ist nicht so, als wären die Wahlen nicht beworben worden. In den Sozialen Medien lockten Fachschaften mit Bierball Turnieren, Gratis-Getränken und Musik für alle, die ihre Stimme abgegeben haben. Aber trotzdem bleibt die Wahlbeteiligung konstant gering, während neue Bewegungen wie Studis gegen Rechts (SgR) es schaffen, hunderte zu Ihren Veranstaltungen zu mobilisieren.

“Auch wenn man vielleicht kein Fan von Hochschulpolitik ist, sind Fachschaften essentiell”, erzählt Svenja Musekamp, die seit dem Wintersemester 23/24 am OSI studiert und seit Beginn ihres Studiums in der Fachschaftsinitiative (FSI) des OSI aktiv war, bis zum Ende der letzten Wahlperiode im Studierendenparlament. Jetzt engagiert sie sich bei Studis gegen Rechts (SgR). Eine persönliche Präferenz, sagt sie, sie wolle sich einbringen, die Uni mitgestalten. Viele sähen Fachschaften als Dienstleistungen, würden dabei aber vergessen, dass dahinter ehrenamtliches Engagement steckt. Hochschulpolitik sei nur ein kleiner Teil der Fachschaftsarbeit. Diese hätten einen viel genaueren Blick auf die einzelnen Institute und könnten sich für deren individuelle Belange einsetzen.

Ist dieses scheinbare Desinteresse an Hochschulpolitik ein neues Phänomen? Wie war das zum Beispiel bei den Uni-Mut-Protesten von 1988/89? Von überfüllten Lehrveranstaltungen und Seminaren, bei denen Studierende auf dem Gang stehen mussten, erzählt OSI-Absolvent Volker Heise. Der Regisseur, Autor und Journalist erinnert sich an die Stimmung zum Ende der 1980er Jahre. Bis zu den Uni-Mut-Protesten hätten inneruniversitäre Fragen kaum eine Rolle gespielt.  “ Es war eine harte Auseinandersetzung.“ erzählt Heise. “Nicht nur zwischen Rechts und Links, sondern auch zwischen links, halblinks und sehr viel links.” Die politische Kultur am OSI sei von wenig Konzessionsbereitschaft geprägt gewesen und mindestens einmal im Semester sei gestreikt worden. Die Fachschaften seien stark polarisiert gewesen, es habe zwischen ihnen große Unterschiede gegeben, etwa zwischen den Juristen und den Mitgliedern der Fachschaft des OSI.

Heute habe sich das OSI verändert, erzählt Heise.. „Ich war neulich wieder da und das OSI sieht ja echt nett aus”, meint er. Und in der Tat, vieles hat sich verändert: Es gibt einen NC, begrenzte Lehrveranstaltungen und ein anderes Studiensystem mit Bachelor und Master. Was zu bleiben scheint, ist, dass es gesellschaftliche Themen sind, die Studierende mobilisieren  – wie der Rechtsruck oder der Konflikt zwischen Israel und Palästina. Die Hochschulpolitik der Fachschaften trete dabei in den Hintergrund, meint Svenja. Doch wenn sich nur wenige an Wahlen beteiligen, können bestimmte Gruppen einfacher Einfluss nehmen. Der politische Raum, erklärt sie, bleibt nie leer, werde immer gestaltet, es sei nur die Frage von wem.

Volker Heise

Volker Heise wurde 1961 in Hoya geboren. Er studierte Politikwissenschaften in Hannover und Berlin, wo er am Otto-Suhr-Institut seinen Abschluss machte. Nach seinem Studium war er unter anderem als Reporter, Autor und Regisseur tätig, wofür er mit dem Grimme Preis und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde.

Svenja Musekamp

Svenja Musekamp studiert seit dem Wintersemester 2023/24 Politikwissenschaften im Mono-Bachelor an der Freien Universität Berlin. Sie war die ersten beiden Semester ihres Studiums in der Fachschaftsinitiative des OSI aktiv, für welche sie bis zum Ende der letzten Legislaturperiode Mitglied des Studierendenparlaments war. Momentan ist sie aktives Mitglied bei der Initiative Studis gegen Rechts.

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