Klick im Blick

Bedroht der Fokus auf Klickraten den Journalismus? Oder bereichert er ihn? Ein Stimmungsbild aus der Branche

VON JULIA ROTTMANN UND JOSEPH HLADIK

“Wir liefern, was die Kunden wollen: Was geklickt wird”, sagt Patrick Neumann von der dpa, “Ukraine-Krieg ja – die Afrika Geschichte wird nicht geklickt”. Bedeutet mit anderen Worten: Die Afrika-Geschichte wird im Zweifel nicht gemacht. Die Kundschaft der dpa, von der Neumann spricht, umfasst so gut wie jedes Medium in Deutschland. Auch all diese Redaktionen treffen sich täglich und werten aus: Welche Artikel haben gut funktioniert? Welche Story wurde kaum gelesen? Entscheidungen werden getroffen: Hier muss nochmal nachgedreht werden. Dieses Thema scheint auserzählt, lohnt sich nicht mehr – abgehakt. Die alles entscheidende Größe: Klickzahlen. Auch auf Conversions – abgeschlossene Abos – wird selbstverständlich ein Auge geworfen. Tut das dem Journalismus gut? 

Einerseits

Die guten Nachrichten zuerst: Klickzahlen können durchaus etwas Positives haben. So spricht Melanie Berger, stellvertretende Leiterin der Berlin-Redaktion des Tagesspiegel, von einer Bereicherung für den Journalismus – und für die Leserschaft. Für die ehemalige OSI-Studentin Berger sind die Zahlen, wenn auch wirtschaftlich relevant, in erster Linie ein wichtiger Indikator, was den Lesern am Herzen liegt, um so das Produkt Leser näher zu gestalten. Falls ein Thema unter den Tisch fällt, dann wegen einer inhaltlichen Fehleinschätzung: “Es wird auf keinen Fall wegen Klicks nicht berichtet.” Im Gegenteil: Durch die Auswertung der Klicks werde das journalistische Angebot eher vielfältiger, bestätigt auch der Tagesspiegel Kollege und Autor der Tagesspiegel-Kolumne “Ins Herz” Robert Ide.

Ebenso positiv sieht es Maike Schultz, Mitglied der MAZ-Chefredaktion und Leiterin des digitalen Newsdesk. Wer in der Klick-Orientierung etwas Schlechtes sehe, fügt sie hinzu, müsse nur einen Hebel im Kopf umlegen: “Was heißt hier böse Klickzahlen? Es sind doch einfach Leser, da stecken Menschen dahinter und du willst als Autor doch gelesen werden.”

Andererseits

Fragt man hingegen Gabor Steingart, Herausgeber und Gründer des Medienportals The Pioneer sowie OSI-Absolvent, zeichnet sich ein ganz anderes Bild ab: Er hält die Orientierung an Klickzahlen für eine Krankheit des heutigen Journalismus. “Es geht in vielen Newsrooms nur noch darum, Trigger Points zu setzen”, kritisiert Steingart, „viele Verlage sind Teil einer weltweiten Apokalypse Industrie geworden“. Anstelle von Relevanz sei dann die Klickrate das Kriterium – alles so optimiert, dass die Leser sich aufregen und dranbleiben. Sein Argument: “Fear sells”. Hinter der Klickzahl stehe letztendlich das Anzeigengeschäft und das Hauptinteresse der Verlage,  Werbung zu verkaufen, so Steingart. “Der Journalist ist vor lauter Google Optimierung aus dem Driver Seat auf die Rückbank gerutscht”, sagt er. Die eigentlichen Anliegen, nämlich Aufklärung und Erkenntnisgewinn, würden durch die Abhängigkeit von Klicks und Triggerpoints bei vielen deutschen Medien zunehmend ins Hintertreffen geraten. Ein besserer Ansatz: Mehr Transparenz in den Medien – wie hoch ist der Werbeanteil, wer sind die wichtigsten Werbekunden der Zeitung? – und langfristig ein werbefreier Journalismus.

Auch eine Mitarbeiterin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und ehemalige OSI-Studentin, die nicht namentlich genannt werden will, berichtet uns von negativen Erfahrungen. Bei ihrem ehemaligen Arbeitgeber wurde über Mordfälle in der Regel nicht berichtet. Allerdings: “Da in einem Fall eine „geflüchtete Person“ als vermeintlicher Täter dahinterstand, wurde ich angehalten, darüber zu berichten.“ Der Grund: Klicks. Eine grundsätzliche Orientierung an Klickzahlen findet sie dennoch unter einer Bedingung sinnvoll: “Die Gegenbewegung und Fähigkeit des kritischen Denkens muss stärker ausgebildet werden.”

Die Gratwanderung 

Was Journalistinnen und Redaktionen jeden Tag meistern müssen, ist eine Gratwanderung. “Haben wir zu viel über Trump? Bei der Corona-Krise: Welche Zeile ist gerechtfertigt?”, beschreibt Melanie Berger beispielhaft. Das müsse jeden Tag diskutiert werden. “Ich glaube aber, der Großteil der deutschen Medien ist sehr gewissenhaft und versucht, nichts unter den Tisch fallen zu lassen oder schlimme Themen nicht herunterzuspielen.” 

Solange nicht der Algorithmus entscheidet, sondern in den Redaktionen noch diskutiert und gerungen wird, bleibt Hoffnung.

Melanie Berger ist Journalistin und arbeitet seit zehn Jahren beim Tagesspiegel und ist derzeit stellvertretende Ressortleiterin der Berlin-Redaktion. Ihren Bachelor in Politikwissenschaften absolvierte sie in Salzburg, den Master am OSI.

Gabor Steingart ist Gründer und Herausgeber des Medienportals The Pioneer. Zuvor arbeitete er 20 Jahre für den Spiegel und wurde danach Chefredakteur und später Herausgeber des Handelsblatt. Er studierte Politikwissenschaften in Marburg und am OSI.

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