Spiele trotz Krieg?

Der olympische Gedanke bereitet Kopfschmerzen

VON LARA HAMPRECHT

Am 24. Februar 2022 startete Russland den Krieg gegen die Ukraine, nur vier Tage nach dem Ende der Olympischen Winterspiele in China. Jetzt stehen die nächsten Olympischen Winterspiele vor der Tür – und noch immer herrscht Krieg. In der Ukraine wurden mehr als 700 Sportstätten zerstört, viele Athlet:innen müssen ihr Training im Ausland fortsetzen und fast 600 von ihnen sind bereits gestorben. Angesichts des russischen Angriffskrieges steht zur Debatte, ob russische Athlet:innen an den Olympischen Spielen teilnehmen sollten.

Pierre de Coubertin, der Begründer der Olympischen Spiele der Neuzeit, hoffte, dass Olympische Spiele Kriege durch sportliches Kräftemessen ersetzen könnten. Diese Hoffnung erfüllt sich jedoch nur bedingt, sagt Prof. Dr. Danyel Reiche, Politikwissenschaftler und Absolvent des OSI, der zu Sport und Politik forscht. Zu den positiven Beispielen zählt er die “Ping-Pong-Diplomatie” zwischen den USA und China, die 1971 über Tischtennis-Wettkämpfe den Weg für diplomatische Annäherung öffnete. Zugleich gibt es prominente Gegenbeispiele, etwa den sogenannten “Fußballkrieg” zwischen El Salvador und Honduras, der nach massiven politischen Spannungen im Zuge der WM-Qualifikation 1969 ausbrach. Entscheidend für den diplomatischen Erfolg im Sport seien der politische Kontext und die Bereitschaft beider Seiten zur Annäherung. Sport allein könne keinen Frieden stiften.

Boykotte seien ein Instrument vergangener Zeiten, so Reiche. Ein oft genanntes Beispiel dafür ist der Boykott Südafrikas unter dem Apartheidregime, dem in der Forschung ein Beitrag zum Ende der Apartheid zugeschrieben wird. Andere Boykotte blieben dagegen weitgehend folgenlos – etwa der Boykott der Olympischen Spiele in Moskau 1980 wegen des Einmarsches der Sowjetunion in Afghanistan, bei dem viele westliche Athlet:innen ihre Olympiateilnahme verpassten. Und doch: Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 ist erstmals seit Jahrzehnten wieder ein Land aus politischen Gründen von Sportveranstaltungen ausgeschlossen worden. Russische und belarussische Athlet:innen wurden von den meisten Weltsportverbänden und dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) gesperrt.  

Im Jahr 2023 leitete das IOC unter Thomas Bach jedoch eine Kehrtwende ein und ließ russische Athlet:innen unter strengen Auflagen wieder zu: ohne Teamwettbewerbe, unter neutraler Flagge und nur, wenn sie weder dem Militär angehören noch den Angriffskrieg öffentlich unterstützen. Bei den Sommerspielen in Paris 2024 gingen 15 russische Athlet:innen an den Start. Und auch bei den Winterspielen in Italien werden wieder russische Athlet:innen teilnehmen, allerdings verwehren einige Weltsportverbände wie der Biathlonverband den Athlet:innen die Qualifikation.

IOC-Präsident Thomas Bach begründet diesen Kurs damit, dass es aktuell weltweit mehr als ein Dutzend bewaffneter Konflikte gebe und Olympia zeigen solle, dass sportlicher Wettbewerb und ein friedliches Zusammenleben im Olympischen Dorf möglich seien. In der Praxis stößt diese Vorstellung jedoch an Grenzen: Das russische Fernsehen übertrug die Spiele in Paris nicht, mehrere Verbände boykottierten die Teilnahme und die neutral startenden Athlet:innen wurden in Russland teils heftig kritisiert. Das IOC verweist darauf, die Rechte einzelner Athlet:innen schützen zu wollen, indem es sie nicht allein aufgrund ihrer Nationalität ausschließt. Der Verein Athleten Deutschland, die unabhängige Vertretung der Bundeskaderathlet*innen in Deutschland, warnte allerdings gegenüber dem ZDF, dass auch neutrale Athlet:innen für Propagandazwecke instrumentalisiert werden könnten. Außerdem betont der Verein, dass auch die Rechte der ukrainischen Athlet:innen berücksichtigt werden müssten.

Prof. Dr. Reiche sagt, dass ihm vor allem die Athlet:innen leid tun, weil Boykotte meist die falschen träfen. Wie schwierig es ist, klare Ausschlusskriterien für Sport- oder Kulturveranstaltungen zu definieren, zeigte zuletzt die Debatte um die israelische Teilnahme am Eurovision Song Contest 2025. Am Ende bleibt für Reiche: „Es ist eine Debatte, in der es keine gute Antwort gibt.“

Dr. Danyel Reiche wurde 2005 am Otto-Suhr-Institut habilitiert und forscht seitdem zu Sport- und Energiepolitik. Nach Stationen im Libanon und in Qatar arbeitet er heute an der United-Arab-Emirates-University in den Vereinigten Emiraten. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Publikationen zu Mega-Sportereignissen wie Olympischen Spielen und Fußball-Weltmeisterschaften sowie Meinungsbeiträge in der Washington Post, Spiegel Online und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht.

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