US-Austausch im Wanken
OSI-Studierende zwischen Hoffnung und Machtlosigkeit
Von Julia Flaxl
Spätestens seit die Terminvergabe für US-Visa für internationale Studierende ausgesetzt wurde, sind die Auswirkungen der US-Politik unter Trump auch für OSI-Studierende nicht mehr zu übersehen. DAAD-Präsident Prof. Dr. Joybrato Mukherjee spricht von einem „Rückschritt für die internationale Studierendenmobilität“. Lora Anne Viola, US-amerikanische Professorin am JFK-Institut, betrachtet den Machtkampf zwischen Trump und der Harvard University als „sehr schädlich“.
Jedes Semester verbringen etwa 50 FU-Studierende ein Auslandssemester an einer der US-Partneruniversitäten. Im kommenden Wintersemester wollen neun OSI-Studierende ihren Traum vom Studieren in den USA verwirklichen. Doch ob es für alle so kommen wird, steht aktuell noch in den Sternen. „Es ist absolut kein normales Austauschjahr mit den USA”, fasst Gesa Heym, als Referatsleiterin der Studierendenmobilität an der FU für die Koordination des US-Austauschs verantwortlich, zusammen.
Die aktuelle Lage sei ein „sehr großer Einschnitt“ und ein „komisches Signal“, sagt ein Bachelor-Student, dem ab September ein Studienplatz in den USA sicher ist – wäre da nicht die Sache mit dem Visum. Ihm und einem weiteren OSI-Studierenden, die bereit waren, ihre Erfahrungen und Perspektiven zu teilen, ist es wichtig, anonym zu bleiben. Denn die Angst, dass ihnen Aussagen bei der Visavergabe auf die Füße fallen könnten, ist groß.
Ein Studienaufenthalt in den USA ist für sie ein langer und großer Traum und sie freuen sich auf die Möglichkeit, neue Erfahrungen zu sammeln. Der Bewerbungsprozess ist zeit- und arbeitsintensiv: Etwa ein Jahr vor Antritt des Auslandssemesters müssen Formulare, Sprachnachweise und Empfehlungsschreiben abgegeben werden. Bis vor Kurzem kam es für einen der beiden Studierenden „gar nicht in Frage, dass es irgendwie Probleme geben könnte mit der Einreise”. Doch nun ist alles im Wanken und es stellt sich die Frage, ob und wann der Flug gebucht, der Wohnungsvertrag in den USA endgültig unterschrieben und das Zimmer in Berlin untervermietet werden kann.
Generell ist ein Auslandssemester „nichts für schwache Nerven“, sagt Heym, und dennoch seien viele der betroffenen Studierenden „irritiert“. Die FU und deren Partneruniversitäten in den USA haben nur einen geringen Spielraum und raten den Studierenden abzuwarten. Neben Unsicherheit beschreibt einer der Studierenden ein „Gefühl von Machtlosigkeit“, weil die Situation nicht in seiner Hand liege. Gleichzeitig spürt man jedoch auch einen gewissen Optimismus.
Doch wie angebracht ist Zuversicht, wenn die Einreiseerlaubnis unter anderem von der Überprüfung der Social-Media-Aktivitäten internationaler Studierender abhängig sein soll? Sofern keine öffentlichen Beiträge oder Kommentare zu kritischen Themen vorliegen, scheint keine Gefahr zu bestehen. Unklar bleibt einem der Studierenden jedoch, wie „intim“ die Kontrollen sind und ob sie auch private Nachrichten betreffen. Er sorge sich um Dinge, die eventuell Grund für eine Verweigerung des Visums sein könnten. Ein „vorauseilender Gehorsam“ führe dazu, dass er “nicht ganz ehrlich sein“ und „nicht ganz zu seinen Idealen stehen“ könne. Als „kleine Einschränkung“ nimmt es ein anderer Kommilitone wahr, der auf das Liken bestimmter Beiträge verzichte und regierungskritische Memes gelöscht habe.
Die meisten Studierenden hoffen mit gedämpfter Vorfreude, ihren ursprünglichen Plan realisieren zu können. Sollte es nicht klappen, möchten sie stattdessen regulär am OSI weiterstudieren. Andere Studierende zogen ihre Bewerbung bereits freiwillig zurück. Aber auch schriftliche Absagen einer US-Universität erreichten OSI-Studierende mit der Begründung, dass gerade nicht die richtige Zeit sei, Studierende aufzunehmen, die sich mit internationalen Beziehungen und US-Politik beschäftigen wollten. Obgleich verbindliche Aussagen heutzutage schwierig seien, so Viola, wäre es „illusorisch zu denken, dass wir aus dieser Situation zurückkehren können in den Status quo ante“.
Joybrato Mukherjee
Mukherjee studierte Anglistik, Biologie und Erziehungswissenschaft an der RWTH Aachen, promovierte in der Englischen Sprachwissenschaft und habilitierte für Englische Philologie. Seit Januar 2020 ist er Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD), nachdem er 2012 bereits dessen Vizepräsident wurde. Heute ist Professor Mukherjee zudem Rektor der Universität zu Köln.


