Vom Hörsaal in den Plenarsaal

Das sind die OSI-Leute im 21. Bundestag – und im Kabinett.

VON EDITH CHROSZCZ UND CHRISTIAN WALTHER

Für Lisa Paus war es ein Wahlabend der gemischten Gefühle: Sie hatte ihren Wahlkreis in Charlottenburg-Wilmersdorf erneut verloren – diesmal an die CDU –, aber ihr Mandat über die Landesliste bewahrt. Abschreiben musste sie aber auch – das war schnell klar – ihr Ministeramt. 

Das OSI verlor so zwar eine Ministerin, gewann aber bald zwei hinzu: Reem Alabali-Radovan (SPD) und Dorothee Bär (CSU).

Dass die CSU-Politikerin Dorothee Bär (Jahrgang ‘78) aus dem oft als links geltenden OSI stammt, dürfte immer noch viele überraschen. Sie ist die neue Ministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt. Bei ihrer Diplomfeier 2005 erzählte sie von ihrem Doppelleben zwischen Seminarraum und Reichstag und wie sie in ihrem Corsa den Hosenanzug gegen eine Jeans eintauschte, um am OSI nicht aufzufallen (OSI-ZEITUNG 28). Im Wahlkreis Bad-Kissingen ging sie nun mit 50,5 % der Erststimmen durchs Ziel und wurde damit bundesweite Erststimmenkönigin der Union. 

Neue Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ist Reem Alabali-Radovan (‘90) von der SPD. Zuvor war sie seit 2021 Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration. Im Interview mit der OSI-ZEITUNG 29 sagte sie, dass das OSI für sie wegen des Schwerpunkts auf Internationalen Beziehungen die perfekte Wahl gewesen sei. 

Alabali-Radovan ist die einzige Sozialdemokratin vom OSI, die wir im aktuellen Bundestag identifiziert haben. Viel größer ist die Gruppe der Grünen. 

Lisa Paus (‘68), neuerdings Sprecherin ihrer Fraktion für Arbeit und Soziales, ist Tochter eines Unternehmers, hat am OSI studiert, aber einen Abschluss in Volkswirtschaftslehre. 

Felix Banaszak (‘89) hat nach dem Abi in Duisburg Zivildienst als Altenpfleger geleistet und ab 2010 an der FU Sozial- und Kulturanthropologie sowie Politik studiert und mit BA abgeschlossen. Ab 2011 war er bei der Grünen Jugend und stieg in deren Bundesverband auf. Er war Mitarbeiter von Dirk Behrendt im Abgeordnetenhaus und von Terry Reintke – auch OSI-Gewächs – im Europaparlament. Seit 2021 ist er im Bundestag und jetzt auch Bundesvorsitzender seiner Partei.

Sein Parteikollege vom Tegernsee, Karl Bär (‘85), absolvierte ein Doppelstudium in Agrar- und Islamwissenschaften und wählte dazu noch zwei Nebenfächer, Politik und Soziologie. Auch er war Bundessprecher der Grünen Jugend, bevor er in den Bundestag einzog. Er ist Obmann der Grünen im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft.               

Prof. Dr. Armin Grau (‘59) studierte zunächst Politik, Germanistik und Geschichte, bevor er „nach persönlichen und politischen Sinnkrisen“, wie er selbst schreibt, ein Medizinstudium begann. Der Schwerpunkt des Arztes liegt in der Gesundheits-, Pflege- und Sozialpolitik.  

Diesen Fokus hat auch Dr. Janosch Dahmen (‘81), der in Innsbruck und als Gasthörer auch am OSI Politik studierte – u.a. bei Sven Chojnacki „Einführung in die Friedens- und Konfliktforschung“ –, bevor er ins Fach Medizin wechselte. Dahmen ist Unfallchirurg und Notfallmediziner und war ab 2018 Medizinaldirektor in der Ärztlichen Leitung des Rettungsdienstes Berlin für die Feuerwehr. Jetzt ist er Sprecher seiner Fraktion für Gesundheitspolitik.

Auch Ulle Schauws (‘66) studierte nur in kleinerer Dosis am OSI, wichtigstes Fach war  Film- und Fernsehwissenschaft. Die gebürtige Krefelderin hat vor ihrer Zeit im Bundestag als Redakteurin und Dramaturgin gearbeitet.

Großes Interesse am Fernsehen hat eine weitere Politikerin der Union gezeigt: Dr. Inge Gräßle (‘61) studierte nach Volontariat und Redakteurszeit bei der Augsburger Allgemeinen in Stuttgart und Paris und wurde am OSI bei Gerhard Kiersch und Ralf Rytlewski mit einer Arbeit zum Kulturkanal ARTE promoviert. Mandaten in Landtag und Europaparlament folgte 2021 der Bundestag. Im Februar hat sie den Wahlkreis 269 (Backnang – Schwäbisch Gmünd) erneut direkt für die CDU geholt. 

Dass das OSI immer noch als links gilt, liegt vielleicht auch an seinen „linken” Abgeordneten: Ines Schwerdtner (‘89), ist Mitbegründerin der sozialistischen Zeitschrift Jacobin. Sie verpasste 2024 zwar den Einzug ins Europaparlament, ist aber seit Oktober, gemeinsam mit Jan van Aaken, Bundesvorsitzende von Die Linke und nach einem furiosen Wahlkampf (OSI-ZEITUNG 29) nun auch im Bundestag . 

Isabelle Vandre (‘89) war im Studierendenparlament der FU sowie in der Linksjugend aktiv. Bereits zehn Jahre war sie Abgeordnete im Landtag Brandenburg, bevor der bekennende Fußballfan nun über die Landesliste in den Bundestag gewählt wurde. Deswegen hat sie auch ihr Mandat in der Stadtverordnetenversammlung von Potsdam, wo sie zuletzt Fraktionsvorsitzende war, niedergelegt.

Eine kleine Sensation gelang Pascal Meiser (‘75): Er nahm den Grünen den früheren Ströbele-Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer-Berg-Ost ab. Mit 34,7 Prozent der Erststimmen gewann er das Direktmandat für Die Linke. Er studierte Politik, Publizistik und Psychologie in Mainz, Leeds und Berlin. Er ist Diplom-Politologe.Und noch einer sei erwähnt, obwohl er kein Mandat im Bundestag hat: Björn Böhning (‘78). Der Sozialdemokrat ist neuer Staatssekretär im Finanzministerium und Chefkoordinator für Vizekanzler Lars Klingbeil. Er war Chef der Berliner Senatskanzlei, dann Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales und erstaunte mit dem Wechsel auf den Posten des Geschäftsführers der Allianz Deutscher Produzentinnen und Produzenten – Film, Fernsehen und Audiovisuelle Medien. In der OSI-ZEITUNG 25 hatte er den Wechsel in die Wirtschaft mit dem Wunsch begründet, mal etwas anderes zu machen. Jetzt ist er zurück in der Politik.

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