Wie gestalten wir lebenswerte Städte der Zukunft?

UBA-Chef Dirk Messner zur urbanen Transformation

VON SIMON SCHUSTER

Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes, zählt zu den prägenden Vordenkern einer ökologisch-sozialen Transformation. Seit Jahren erforscht und vermittelt er, wie Nachhaltigkeit und politische Steuerung zusammengedacht werden können. Wir sprachen mit ihm über die Zukunft der Städte, jene Orte, in denen sich entscheidet, ob die große Transformation gelingt.

OSI-Zeitung: Herr Prof. Messner, welche Rolle kommt angesichts des fortschreitenden Klimawandels auf Städte zu?

Dirk Messner: Wir haben es mit einer enormen Stadtentwicklungsdynamik weltweit zu tun. Innerhalb der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts wird sich die Zahl der Menschen in städtischen Agglomerationen um etwa 3,5 – 4,5 Milliarden erhöht haben. Damit wird eine globale Städteinfrastruktur entwickelt, vergleichbar mit dem, was seit der neolithischen Revolution vor 10.000 Jahren bis zum Ende des 20. Jahrhunderts entwickelt worden ist. Das, was wir jetzt in diesem halben Jahrhundert tun, ist also von herausragender Bedeutung. Wir verändern den Planeten durch die Infrastrukturen, die wir bauen, und mit der Geschwindigkeit, in der das stattfindet. 70 % der Treibhausgasemissionen und etwa 70 % der Ressourcenflüsse haben mit den Städten zu tun. Das heißt, ob wir da erfolgreich sind, wird darüber entscheiden, ob wir unsere Klimaschutz- und Umweltziele überhaupt realisieren können.

Sie sagen oft, Klimaschutz müsse mit einem besseren Leben verbunden sein. Was bedeutet das konkret?

Eine kluge Klima- und Umweltpolitik stärkt unsere Gesundheit. Weniger Lärm, bessere Luft, weniger Hitzestaus wären in unseren Städten zu erreichen, wenn wir den Verkehr zurückdrängen und öffentliche Verkehrsmittel stärken.

Viele Studien zeigen zudem, dass unser Empfinden von Lebensqualität sehr viel damit zusammenhängt, wie die 1,5 Quadratkilometer um uns herum gestaltet sind.  Dazu brauchen wir auch blau-grüne Infrastrukturen. Grüne Infrastruktur, das sind Parkanlagen, das sind Alleen, die unsere Städte gesünder machen, weil sie die Luft sauber halten und Temperaturen kühlen. Blaue Infrastrukturen führen einerseits das Wasser in die Städte und halten es dort, andererseits tragen sie dazu bei, dass es nicht zu Extremwetterereignissen kommt. Eine Stadt, die grüne und blaue Infrastruktur ausbaut, wird dazu beitragen, dass Menschen ihre Lebensumgebung als angenehm empfinden.

Eine weitere Dimension ist Sicherheit. Wenn wir an das Desaster im Ahrtal denken, sehen wir, dass unsere Infrastrukturen auf lokaler Ebene nicht auf die Folgen des Klimawandels vorbereitet sind. Eine kluge Klimaanpassungspolitik kann auch die menschliche Sicherheit in unseren Städten erhöhen.

Welche politischen Stellschrauben müssen gedreht werden, damit Städte tatsächlich handlungsfähig werden?

Wissen ist sehr wichtig. Städte stehen vor großen Herausforderungen und brauchen deswegen gute Kanäle zu Wissenschaftsorganisationen, mit denen sie zusammenarbeiten, um ihre Probleme zu lösen. Unsere Forschungskapazitäten im Bereich der Unterstützung unserer vielen Städte bei all diesen komplexen Aufgaben sind nicht hinreichend entwickelt. 

Bürgerinnen und Bürger müssen außerdem die Maßnahmen, die auf sie zukommen, als angemessen empfinden. Das ist häufig nicht der Fall. Die soziale Ausgestaltung der Nachhaltigkeitspolitik ist Bedingung dafür. Oft kumulieren bestimmte Nachhaltigkeitsherausforderungen gerade bei Leuten, die sozial benachteiligt sind. Sie leben häufig in schlecht isolierten Wohnungen oder an lauten Straßen mit hoher Luftverschmutzung. Auf diese vulnerablen Gruppen muss man besonderes Augenmerk haben, damit sie für den Transformationsprozess und die Demokratie nicht verloren gehen. 

In welchen Sektoren sehen Sie die meisten Fortschritte und wo den meisten Nachholbedarf?

Wir machen große Fortschritte in der Energiepolitik. Die Erneuerbaren sind in den letzten Jahren dynamisch ausgebaut worden und wir können unsere Klimaziele für 2030 aller Einschätzung nach erreichen.

Aber wir haben zwei Sektoren, in denen wir stark hinterherhinken. Das sind zum einen die Gebäude. Etwa 50 Prozent der Klimabilanz der Häuser hat mit Heizen und Kühlen zu tun. Die anderen 50 Prozent hängen mit der Bauphase zusammen. Glas, Beton, Zement und Stahl, das sind alles treibhausgasintensive Produkte. Wir müssen beim Heizen und Kühlen umsteigen auf die erneuerbaren Energiequellen, die uns zur Verfügung stehen. Und wir müssen Baumaterialien nutzen, die einen geringeren Klima-Impact haben. Zum anderen ist da die Mobilität. Wir müssen unsere Mobilitätssysteme so umbauen, dass Lebensqualität vorangebracht wird und zugleich aus den Fossilen nach und nach aussteigen.

Wenn Sie auf andere Länder oder Regionen blicken, wo sehen Sie spannende Beispiele für zukunftsfähige Städte und was könnte Deutschland davon lernen?

Ich bin total begeistert, jedes Mal, wenn ich in die Niederlande reise. In niederländischen Städten wird ein signifikanter Teil der Mobilitätsinfrastruktur für Fahrradfahrer und Fußgänger reserviert. Das verändert das Stadtbild, das Mobilitätsverhalten, verbessert den Klimaschutz. Dort sieht man, wie Mobilitätsflüsse reorganisiert werden können. Das wirkt sich auf die Gesundheit aus, auf die Lebensqualität der Menschen, auf das Grün in den Städten. 

Prof. Dr. Dirk Messner studierte von 1982 bis 1988 Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre an der FU Berlin. Hier promovierte und habilitierte er auch. Von 2003 bis 2018 war er Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik, daneben von 2004 bis 2019 Mitglied und lange Jahre Co-Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen. Seit 2020 ist er Präsident des Umweltbundesamtes, seit 2024 zudem außerplanmäßiger Professor am OSI.

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