Zumutung oder Notwendigkeit?
Die Debatte über die Wehrpflicht
VON THERESA SCHILLER
Nach monatelangen Streitigkeiten ist sie seit Herbst 2025 beschlossene Sache: die Reform des deutschen Wehrdienstes. Nach der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 und den seither deutlich gesunkenen Rekrutierungen soll nun, in Anlehnung an die NATO-Forderungen, die Bundeswehr deutlich vergrößert werden. Das soll mit verpflichtenden Musterungen für alle Männer ab Jahrgang 2008 erreicht werden – der Dienstantritt selbst bleibt vorerst freiwillig.
Warum kommt diese Reform gerade jetzt?
Befürworter betonen, dass sich die internationale Bedrohungslage durch Akteure wie Russland oder die veränderte Politik in den USA im Verlauf der letzten Jahre erheblich zugespitzt habe. Darauf berufen sich Unterstützer der Wehrpflicht wie beispielsweise Politikwissenschaftler Oliver Rolofs, der im „Cicero“ angesichts des Sicherheitsaspektes mehr Entschlossenheit und Wehrfähigkeit fordert. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung spricht sich sogar für eine Rückkehr zur vollständigen Wehrpflicht aus, wie eine Forsa-Umfrage für die Zeitschrift „Stern“ im Oktober 2025 zeigte. Angesichts dessen scheint die Reform des Wehrdienstes nicht nur logisch, sondern sogar fast überfällig.
Doch es gibt auch Gegenstimmen. Dr. Christian Bartolf graduierte 1987 mit Diplom am Otto-Suhr-Institut und ist Verfasser des internationalen „Manifests gegen die Wehrpflicht und das Militärsystem“ von 1993. Bartolf verweist auf die besondere geschichtliche Verantwortung Deutschlands, „alle Möglichkeiten der internationalen Diplomatie wahrzunehmen“ statt militärisch aufzurüsten. Er stellt der im öffentlichen Diskurs bisweilen geforderten „Kriegstüchtigkeit“ die „Friedensfähigkeit“ entgegen.
Was kann der beschlossene Gesetzentwurf leisten?
Die NATO-Vereinbarungen zur Stärke der Bundeswehr sollen mithilfe der jüngst vereinbarten Reform umgesetzt werden. Klar ist aber, dass die Bundeswehr nicht von jetzt auf gleich auf den Personalstand von vor über zehn Jahren zurückkehren kann. Deswegen sollen laut Gesetzentwurf sämtliche Strukturen erst nach und nach wieder hochgefahren werden. Ob das gelingt, ist fraglich, denn die Reform beruht auf Freiwilligkeit und die Zahl der Anträge auf Kriegsdienstverweigerung ist laut Bericht der Neuen Osnabrücker Zeitung aktuell auf einen Höchststand seit 2011 gestiegen. Und Bartolf erinnert daran, dass bereits die amtsärztliche Untersuchung im Musterungsprozess einen Eingriff in das Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit darstellen kann.
Verlangt der Staat jungen Menschen zu viel ab?
Außerdem ist die Reform der Wehrpflicht unter jungen Menschen deutlich unbeliebter als in der allgemeinen Bevölkerung, was unter anderem die Umfrage von Forsa beweist. Zwar soll die Attraktivität der Bundeswehr gesteigert werden, etwa mit höheren Löhnen. Die Frage, wie man uns junge Menschen zu mehr freiwilligem Engagement motivieren kann, ist aber oft nur Nebensache. Da fühlen sich manche angesichts mangelnder Antworten auf Zukunftsfragen von der Politik im Stich gelassen – nicht nur beim Thema Wehrpflicht, sondern auch in Sachen Klima- und Rentenpolitik. Es wäre nur ratsam, der jungen Generation mehr Gehör zu schenken. Schließlich sind es die jungen Menschen, auf die die neue Wehrpflichtreform setzt.
Dr. Christian Bartolf machte in den 80ern sein Diplom in Politikwissenschaften am OSI. Er ist Vorsitzender des Gandhi-Informations-Zentrums, ein gemeinnütziger Verein, welcher Forschung und Bildung für Gewaltfreiheit betreibt, sowie Buchautor, und verfasste so unter anderem ein internationales „Manifest gegen die Wehrpflicht und das Militärsystem“. Bartolf war außerdem viele Jahre als professioneller Berater für Kriegsdienstverweigerer für die Evangelische Kirche tätig.
