Zwischenstopp am OSI
Dorothee Elmiger hat den Deutschen Buchpreis bekommen
VON EMMA DÖRMANN
Weich und bedacht liest Dorothee Elmiger einige Passagen aus ihrem jüngsten Roman “Die Holländerinnen”. Der Saal im Literarischen Colloquium mit Blick auf den dunklen Wannsee ist voll und die Menschen hören gespannt zu. Immer wieder kommen Fragen zum Hintergrund bestimmter Geschichten oder Bedeutungen, die diese für das Buch haben. Diese werden zwar beantwortet, aber Elmiger achtet darauf, einen Phantasieraum für die Leser:innen zu lassen.
Später am Abend bitte ich um ein Autogramm – und ein paar Antworten auf meine Fragen:
Du hast in einem Interview gesagt, dass Du in deinen Texten etwas herausfinden willst, was Du bisher noch nicht weißt: Was weißt Du nun nach „Die Holländerinnen“? Was verrät uns der Dschungel – vielleicht auch über die Welt, in der wir gerade leben?
Das Wissen, das aus der Literatur oder aus dem Schreiben kommt, lässt sich ja oft schwer in ein paar griffigen Sätzen zusammenfassen. Beim Schreiben habe ich viel nachgedacht über Herrschaftsverhältnisse, über Unterwerfung und Kontrolle, über die Furcht und das sogenannte Böse. Aber im Grunde scheue ich mich, zu viel dazu zu sagen: Der Text braucht die Leser*innen, die ihn vervollständigen, indem sie ihn lesen und deuten.
Denkst Du manchmal an die Zeit am OSI zurück? Gibt es dort Orte oder Erinnerungen, die noch besonders präsent sind?
Die Zeit am OSI war für mich wichtig. Ich erinnere mich nicht so sehr an spezifische Orte, sondern an die Seminare. Ich war auf Umwegen nach Berlin und ans OSI gekommen. Ganz zu Beginn hatte ich mich in Zürich für ein Studium der Politikwissenschaft und der Philosophie eingeschrieben, aber ich war irgendwie enttäuscht: Ich hatte mir leidenschaftlich diskutierende Studierende in vollen Räumen vorgestellt, hatte selbst großen Hunger nach Wissen und Erfahrung. Es fehlte mir in den Zürcher Seminaren vielleicht eine gewisse Dringlichkeit. Die habe ich dann aber am OSI erlebt. Ganz besonders sind mir die damaligen Proteste gegen die Bildungsreformen in Erinnerung geblieben: Die Uni war besetzt, wir lasen Marx im Lesekreis und tranken Glühwein aus dem Wasserkocher.
Du hast dein Studium damals nicht am OSI beendet. Was hattest Du dir vom OSI versprochen? Ist das OSI an Deinen Ansprüchen gescheitert, hast Du das vielleicht auch als eigenes Versagen wahrgenommen, oder war es einfach ein anderer Weg, der für Dich bestimmt war?
Ich war sehr beeindruckt von der Eloquenz, der Belesenheit, der Streitlust meiner Kommiliton*innen am OSI – zu beeindruckt vielleicht. Selbst war ich eher eine stille, zögerliche Studentin, war nervös, überlegte mir immer alles zweimal und hatte deshalb oft das Gefühl, den Erwartungen im Seminar nicht zu genügen. Dazu kam, dass mich vor allem die politische Philosophie und historische Fragen interessierten, mein Fokus verschob sich, am Ende schloss ich mein Studium in Geschichte ab. Mitten in meiner OSI-Zeit publizierte ich zudem mein erstes Buch. Ich war oft unterwegs auf Lesereise und es war nicht leicht, das mit dem Studium zu vereinbaren.
Es gibt Leute, die von dem Deutschen Buchpreis träumen. Was würdest Du diesen Menschen für einen Tipp geben? Ist es das Studium, die Schreibroutine oder doch einfach Talent?
Bei der Arbeit am Text helfen mir Neugier, Beharrlichkeit und Aufmerksamkeit. Die Bücher, die ich lese. Gespräche mit anderen. Sturheit. Die Zeit, die ich mir fürs Schreiben nehmen kann – das ist nicht selbstverständlich. Und immer braucht es auch Glück.
Dorothee Elmiger, geboren 1985 in Wetzikon, lebt als Autorin zwischen Zürich und New York. Neben dem Studium der Philosophie, Politik, Geschichte und Literatur in der Schweiz studierte sie ab 2009 am Otto-Suhr-Institut für Politik. 2021 kehrte sie als Gastprofessorin an die FU zurück. Für Ihren vierten Roman “Die Holländerinnen” erhielt sie 2025 den Deutschen Buchpreis.
