Literatur ohne Buchrücken

Die Ausstellung Erzählstoff im früheren Ethnologischen Museum

VON NINA DRESEMANN

Wenn ich an Literatur denke, habe ich meistens das geschriebene Wort im Kopf. Dass das zu kurz gedacht ist, beweist aktuell die Ausstellung ErzählStoff auf dem sogenannten Forschungscampus Dahlem. Mit diesem Campus will ein Teil der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Wissen über materielle und immaterielle Kulturen erforschen und transparent vermitteln. Und das auch in Kooperation mit der FU. 

Noch bis zum 3. September wird im früheren ethnologischen Museum in der Lansstraße donnerstags und sonntags Literatur der anderen Art kostenlos erfahrbar gemacht: Die sechs ausgewählten Exponate reichen von der Weissagung durch chinesische Orakelknochen, die für Zukunftsvorhersagen genutzt wurden und den Grundstein für die chinesische Schrift legten, bis hin zu Bleistiftskizzen einer modernen Graphic Novel, in der die syrische Künstlerin Reem Helou ihre Flucht über die Balkanroute verarbeitet. 

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hatte für ihren heute absolut sanierungsbedürftigen Museumskomplex in Dahlem lange Zeit keinen rechten Plan. Der älteste Teil, das heutige Museum der Europäischen Kulturen (MEK) in der Arnimallee, war schon in den 1920er Jahren gebaut worden und wurde nach der Teilung Berlins zum Sitz der Gemäldesammlung. In Neubauten der 60er und 70er Jahre an der Lansstraße wurden die außereuropäischen Sammlungen untergebracht. Diese sind inzwischen ins Schloss umgezogen, ins sogenannte Humboldt-Forum. Danach herrschte hier erst einmal kreative Ratlosigkeit. Das ambitionierte Ziel für die Zukunft lautet zwar, aus dem Forschungscampus der Staatlichen Museen einen lebendigen „Ort der Begegnung“ zu machen, doch die Begegnungen hielten sich bei meinem Besuch in Grenzen. Kurz gesagt: Ich war allein. 

Das ist schade, denn der Ort bietet Potential, das darauf wartet, ausgeschöpft zu werden. ErzählStoff ist ein liebevolles Gemeinschaftsprojekt: Ins Leben gerufen wurde es von Beschäftigten des Instituts für Museumsforschung, des Ethnologischen Museums, des Museums für Asiatische Kunst und des FU-Exzellenzclusters ,Temporal Communities‘, der das Ziel verfolgt, Literatur global zu begreifen. 

Die Ausstellung birgt einige Überraschungen, die ich auch mit wenig Zeit wunderbar entdecken konnte. Der unfertige Ausstellungsraum zeigt den Forschungscharakter des Projekts, dem es an nötiger Aufmerksamkeit fehlt. Der Austausch mit der Öffentlichkeit, den es angestrebt hat, bleibt bislang aus.

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