Looking for Mr. Schreiber
Südafrikas Innenminister hat am OSI promoviert – Geschichte eines Interviews, das nicht zustande kam
VON FINN POHST
Mitte April ‘26, ZDF-Studio Berlin, Nachtschicht für das moma, das Morgenmagazin. In einer Pause durchkämme ich LinkedIn auf der Suche nach OSI-Ehemaligen in aller Welt. Ein Korrespondent in Kuba, ein Professor in Chile, UN-Mitarbeiterinnen in Haiti und Guatemala. Die meisten aber finde ich in Afrika: bei der GIZ, bei den UN, bei der WHO. Ferner Leute im Journalismus, in Bildungs- und Entwicklungsarbeit.
Und dann noch: Leon Schreiber. Aber da will ich nochmal genauer hinschauen. Ich schiebe es auf später, nach der Schicht, wenn ich in der Uni bin.
Ich klicke auf den Namen Schreiber und das Profil ploppt auf: Minister of Home Affairs for the Republic of South Africa 🇿🇦
Etwas ungläubig scrolle ich nach unten, um sicher zu gehen. Doch die letzte Eintragung bei Ausbildungen lässt keinen Zweifel: FU Berlin: Doctor of Political Science.
OSI-ZEITUNG ist Teamarbeit: Wir Studis und unsere Mentoren, die Herausgeber. Mit meinem Mentor bespreche ich das weitere Vorgehen. Wir sind uns sofort einig, dass wir ein Porträt haben wollen, möglichst gleich in diesem Heft. Aber noch fehlt uns so ziemlich alles, vor allem ein brauchbarer Kontakt. Aber jetzt geht es erstmal nach Hause: 15 Uhr ist Schlafenszeit, der Wecker klingelt um 23 Uhr – mein Rhythmus in einer moma-Woche.
In den Tagen darauf geht es weiter: Auf der Website des Ministry of Home Affairs finde ich einige Mailadressen. An anderer Stelle erfahre ich: Vor der Promotion in Berlin studierte Schreiber an der Stellenbosch University, bei Kapstadt, nach der Promotion war er für vier Jahre als Senior Research Specialist an der Princeton University. Mein Mentor schickt mir die Dissertation von Schreiber, eingereicht im Juni 2015: Institutions and Emerging Welfare States: Social Assistance in South Africa and Brazil. Darin auch der Name der Doktormutter: Susanne Lütz, inzwischen Professorin an der Fernuni Hagen.
Lütz meldet sich umgehend zurück, bietet ihre Hilfe für die Kontaktaufnahme an und gibt mir zusätzlich den Hinweis auf einen weiteren Doktoranden aus Südafrika: Philani Mthembu.
Parallel durchkämme ich südafrikanische Medien nach Informationen zum Minister meines Interesses, den Mail & Guardian und den Sowetan. Migration, so mein erster Eindruck, ist dort offenbar ein ähnlich kontroverses Thema wie in Deutschland. Dazu möchte ich mehr wissen. Ich schaue nach journalistischer Expertise direkt in Südafrika – und natürlich nach OSIanern.
Ich melde mich bei Christian Putsch, seit 2011 freier Afrika-Korrespondent für WELT und NZZ, und bei Kristin Palitza, seit 2022 für die dpa Regionalbüroleiterin Afrika, beide ansässig in Kapstadt. Palitza hatte zur Parlamentswahl in Südafrika vorletztes Jahr berichtet: “Zum ersten Mal seit 30 Jahren hat die Regierungspartei Afrikanischer Nationalkongress (ANC) die Mehrheit verloren.” Ein historisches Ereignis für das Land, denn: “Es ist das erste Mal in der demokratischen Geschichte des Landes, dass die Partei des einstigen Anti-Apartheid-Kämpfers Nelson Mandela nicht mehr allein regieren wird.” Die Ursache für den Erdrutsch – der ANC hatte 17 Prozentpunkte eingebüßt – nannte Palitza auch: “Das 61-Millionen-Einwohner Land leidet seit Jahren an einer kränkelnden Wirtschaft, Massenarbeitslosigkeit, tiefgreifender Korruption, maroden Staatsunternehmen und einem bröckelnden Gesundheits- und Bildungssektor. Während seiner Zeit als Präsident untergruben Zuma und seine Regierung von 2009 bis 2018 systematisch den Staat durch Veruntreuung und Vetternwirtschaft. Trotz vieler Versprechungen konnte Zumas Nachfolger Ramaphosa dem kein Ende setzen.”
28. April. Um 11.40 Uhr kommt Mail aus Südafrika – direkt aus dem Ministerbüro: Der Minister würde sich freuen, mir ein Interview zu geben. Innerlich breche ich in Jubel aus. Mein Mentor freut sich mit mir – und warnt: Ein zugesagtes Interview ist noch kein gegebenes Interview. Bei einem Minister kann allerhand dazwischen kommen. Und am 27. Mai ist Redaktionsschluss. Mach Dir einen Plan B.
Regelmäßig schicke ich jetzt kleinere Anfragen an das Büro, frage nach einem detaillierten Lebenslauf des 37-Jährigen oder nach Pressefotos, und am Ende immer wieder: Wann hätte der Minister denn Zeit für das Interview?
14. Mai: Das Ministerbüro sendet Pressefotos. Aber keinen Termin.
Am 22. Mai schicke ich vier Fragen an den zweiten Doktoranden von Lütz, an Philani Mthembu.
Am Tag darauf legt mir Christian Putsch sein Porträt des Ministers aus der Neuen Zürcher Zeitung ans Herz, für das er Leon Schreiber in seinem Büro getroffen hatte, kurz nach der Wahl 2024.
Putsch beschrieb darin die schwierige Koalition zwischen dem linken African National Congress (ANC) und der eher liberal-wirtschaftsfreundlichen Democratic Alliance (DA), für die Schreiber Minister ist. Das Ministry of Home Affairs schien zu jenem Zeitpunkt eine anspruchsvolle Aufgabe: „Schreiber fand zum Beispiel 247.000 unbearbeitete Anträge für Personalausweise vor. Zudem hatten kriminelle Syndikate das Ministerium unterwandert; das Parlament ordnete eine Untersuchung an, gemäß der von 2014 bis 2021 satte 45.000 Visa illegal ausgestellt worden waren.“
Putsch sprach den ‘88 in Piketberg, nordwestlich von Kapstadt geborenen Minister auch auf die oft formulierte Kritik an, dass in der DA vor allem Weiße in den mächtigeren Positionen zu finden seien: “Die Hautfarbe spielt natürlich eine Rolle in der südafrikanischen Politik, und das wird noch lange so sein“, antwortete Schreiber. „Aber eines Tages werden wir hoffentlich den Punkt erreichen, wo nur noch zählt, wer den Job am besten macht.“
Schreiber ist nach der Zeit an der Princeton University in die Politik gewechselt: Zunächst ab 2019 als Abgeordneter in der Opposition, dann der Sprung auf die Regierungsbank: Ernennung zum Innenminister am 3. Juli 2024.
Ende Mai ‘26 überrascht mich Philani Mthembu: Aktuell sei er in Berlin für den Global Solutions Summit und würde sich gerne mit mir treffen.
An seine Zeit in Berlin erinnert er sich gerne zurück. Die Stadt findet er großartig und er habe den Kontakt zu den Studenten aus Lateinamerika, China und europäischen Ländern sehr genossen. Mthembu leitet in Südafrika das Institute for Global Dialogue, einen Thinktank, der auch mit der Ebert-Stiftung kooperiert. Leon Schreiber lernte er kennen, als beide einen Termin bei Susanne Lütz hatten. Schnell fingen sie an, zusammen die Rugby-Spiele Südafrikas zu schauen.
Mthembu stellt klar, dass die afrikanischen Migranten nicht alle nach Europa kommen: „Viele Migranten wollen nach Südafrika.“ Gründe seien die Demokratie, die Infrastruktur, Bildungsmöglichkeiten und auch bessere Jobangebote. Migranten kämen aber auch aus Asien nach Südafrika: „Das Land ist ein Hub für Migration.“ Dabei ist das Wirtschaftswachstum im Land verlangsamt, und „das Thema Migration ist zu einem der am meisten diskutierten Themen im Land geworden.“ Obwohl die Arbeitslosigkeit relativ konstant um die 30 Prozent liegt, würden viele auf der Suche nach Jobs ins Land kommen. Philani erklärt mir auch, dass durch diesen steigenden Konkurrenzkampf um Jobs auch die Ablehnung von Migranten zunimmt. Damit verbunden ist auch eines der größten Probleme, mit dem Leon Schreiber umgehen muss: Korruption. „Es gab Leute, die Asyl-Visa gekauft haben. Also haben Beamte Asyl-Visa buchstäblich verkauft. Es gab eine Reihe von ihnen, die in den letzten zwei Jahren im Zuge interner Ermittlungen festgenommen wurden.“ Mthembu berichtet von verschiedenen Maßnahmen, die Schreiber umgesetzt hat, mehr Checks and Balances im Ministerium oder auch Erfassung biometrischer Daten und KI, um Daten besser zu organisieren.
Schreiber scheint im Umgang mit all diesen Themen erfolgreich zu sein: „Er ist beliebt, mit dem was er tut“, sagt Mthembu. Und Schreiber will mit seiner Partei noch beliebter werden. Dafür muss die Partei zeigen, dass sie nicht nur für eine Minderheit regiert, nicht nur für Weiße und Wohlhabende.
In der Koalition setzt Schreiber auch eigene Akzente – durchaus zum Unwillen von Präsident Cyril Ramaphosa. Während der sich als “non-alligned” gibt, in Wirklichkeit aber auf Seiten von Russland und Putin steht, vertritt Schreiber eine proukrainische Position.
“First 1140 Malawians Processed At Durban Repatriation Site Found To Be Undocumented”, meldet der Mail & Guardian am 14. Juni. Die Migrationsdebatte spitzt sich zu.
Am 18. Juni – inzwischen ist auch eine zweite Deadline der Redaktion überschritten – bekomme ich erneut Mail aus dem Innenministerium: Minister Schreiber hat am Dienstag Zeit für ein Interview.
Ich aber bin am Dienstag für eine Schicht in der Redaktion eingeplant. Zum Glück springt eine Kollegin ein und hilft mir aus der Patsche.
Intern verabreden wir, nun auf den allerletzten Drücker mit Schreiber nur ein reines Interview zu machen, alles andere zu seiner Biografie und zur Politik in Südafrika vorab in einen separaten Artikel zu stellen – in diesen Artikel hier.
22. Juni, 13:33 Uhr: Absage: “Kindly be advised that Minister Dr Leon Schreiber is unfortunately no longer able to participate in the virtual interview tomorrow due to urgent Parliamentary/Cabinet Committee meeting that arose this morning.”
Plan B kommt zum Zug: Die Geschichte eines Interviews, das nicht zustande kam.
Auf X schreibt Schreiber am 26. Juni: ”No person forfeits their right to life, dignity or their status as a human being because they are alleged to have violated a law. This is a defining feature of our Constitution that sets us apart as a nation of due process and the rule of law.”
”Tausende protestieren gegen Migranten in Südafrika”, berichten Palitza und Kollegen am 30. Juni für dpa. In Johannesburg wurden mehrere migrantische Geschäfte gestürmt und geplündert. Über 25.000 Ausländer seien in den vergangenen Wochen ausgereist oder abgeschoben worden. Weiter: “Aus Angst vor Gewalt haben sich neben illegalen auch legale Migranten für die freiwillige Rückkehr entschieden.”
Sowetan, 1. Juli: “Kwa-Thema residents drive foreigners out, burn seven homes”.
Der Innenminister hat offenbar noch Wichtigeres zu tun, als der OSI-Zeitung ein Interview zu geben.
