Der Ober-Paritäter

Am OSI schob er Schichten im roten Café – heute führt Joachim Rock die Geschäfte des Paritätischen Wohlfahrtsverbands

VON JUDITH WICKE

Wenn Joachim Rock über Sozialpolitik spricht, geht es selten um abstrakte Konzepte, sondern konkret um die Frage, wie Menschen geholfen werden kann. Der 52-Jährige ist Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes. Der vereint  bundesweit – vom KiTa-Verein um die Ecke, über die DLRG und das Studierendenwerk bis hin zum Deutschen Roten Kreuz – ca. 10.700 Mitgliedsorganisationen, knapp 40.000 Einrichtungen und 500.000 hauptamtliche Mitarbeiter:innen.

Der gebürtige Hesse hatte schon ein Studium als Verwaltungswirt hinter sich, als er 1998 ans OSI kam, wo er insbesondere die damalige Praxisnähe geschätzt hat: Seminare bei der Bundesjustizministerin Hertha Däubler-Gmelin fanden teils vor Ort im Ministerium statt und die ehemalige hessische Sozialministerin Barbara Stoltherfoht bot einen ABV-Kurs an, in dessen Rahmen er psychiatrische Kliniken, Unterkünfte für Geflüchtete und andere Sozialeinrichtungen besuchte. „Das war hochspannend und hat die weitere Beschäftigung mit Sozialpolitik und Sozialstaat bei mir getriggert“, erinnert er sich. Daneben war er in der Fachschaftsinitiative aktiv, hat Schichten im studentischen „Roten Café“ geschoben und sich gegen den ehemaligen Mitstreiter Rudi Dutschkes, den weit nach rechts gewanderten Dozenten Bernd Rabehl, engagiert. Stoltherfoht war zu dem Zeitpunkt bereits Vorsitzende des Paritätischen Gesamtverbandes, und Joachim Rock wurde später ihr persönlicher Referent. 2009 promovierte Rock in Kassel zur Bedeutung des Beihilfenrechts für die Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege. Da war viel von Europa die Rede – und Europa beschäftigte ihn auch als Europareferent und als Abteilungsleiter für Sozial- und Europapolitik beim Paritätischen.

Der Verband ist – neben beispielsweise Caritas, DRK, Diakonie – einer der sechs Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege. Darunter fallen jegliche soziale Hilfen, die gemeinnützig jenseits von gewerblichen und öffentlichen Trägern organisiert werden. Rock gehört zu den bekanntesten Stimmen dieses Bereichs. Kaum ein Thema, zu dem der Paritätische nicht Stellung bezieht: Migration, Bürgergeld, Deutschlandticket, Gesundheitsreform oder Kindergrundsicherung. Um kurz nach fünf live im rbb Inforadio, danach im Deutschlandfunk, später ein Interview mit der FAZ und am Abend in der Tagesschau. Außerdem Mitgliederversammlungen, Diskussionsrunden, Besuche in Fraktionen. Zu viel scheint ihm das alles nicht zu werden. Er wache jeden Morgen mit der Frage auf: „Wie können wir diesen Prozess voranbringen und wie kann ich durch eine Äußerung dazu beitragen?“ Auch in der Freizeit liest er Bücher zur Sozialpolitik und empfindet es als Privileg, sich auch beruflich mit den Themen, die ihn privat interessieren, beschäftigen zu können. Richtig abschalten kann der Fan des 1. FC St. Pauli beim Halbmarathon oder auf Rock-Konzerten.

Im Alltag sucht er den engen Austausch mit seinen Kolleg:innen. Dieser Anspruch spiegelt sich auch im Neubau der Zentrale des Verbands am Tempelhofer Damm (“Cubus 156”) wider. Einzelbüros sind hier Vergangenheit, Arbeitszonen und Räume für Begegnung sind Gegenwart. Eine Gegenwart übrigens, die zunehmend durch KI geprägt wird. In einer Pilotwerkstatt sammelt der Verband stellvertretend für seine Mitgliedsorganisationen Erfahrungen mit dem Einsatz von KI. Viele der oft kleinen Vereine und sozialen Träger hätten weder die personellen noch die finanziellen Ressourcen, um sich eigenständig tiefgehend mit KI auseinanderzusetzen. Rock gibt zu bedenken, dass gerade im sozialen Bereich viele sensible Daten im Spiel sind: „Da sind wir sehr vorsichtig. Aber wir sehen auch die großen Potenziale von KI“. Etwa bei standardisierten Verwaltungsprozessen wie der Grundsicherung oder Leistungen für Geflüchtete. Dort könne KI helfen, Anträge zügiger zu bearbeiten und Menschen schneller die notwendige Unterstützung zukommen zu lassen.

Wie KI den eigenen Verband verändern wird – und nicht nur die Praxis der Behörden – bleibt vorerst noch ein Rätsel.

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