© KI-geneiert

Wenn Algorithmen Wahlkampf machen  

KI und das politische Geschäft

VON KIRA-VICTORIA BRAUN

Reden, Texte, Flyer geschrieben im Minutentakt, ein Video, ein Post, dessen Wirkung eine Maschine analysiert: Künstliche Intelligenz ist im politischen Alltag längst angekommen. Sie verschafft den politischen Akteuren enorme Arbeitserleichterung, Schnelligkeit und hohen Wirkungsgrad. Für die Bürger hat das aber auch Risiken. Denn die Empfehlungssysteme der großen Plattformen sortieren die auf TikTok, Instagram, YouTube und X angespülten Botschaften danach, was Aufmerksamkeit und Aufregung verspricht — und prägen damit das politische Meinungsbild vor allem der Hauptnutzer dieser Kanäle: der jungen Generation. 

Verändert KI in Politik und insbesondere im Wahlkampf also grundlegend die demokratische Meinungsbildung?

Die Forschung zur Wirkung von KI in politischer Arbeit und Wahlkampf ist in den letzten zwei bis drei  Jahren stark gestiegen. Nach einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung aus 2024 informierten sich zu diesem Zeitpunkt schon 67% der Deutschen online über Nachrichten und Politik. Deepfakes, also KI-generierte Bilder und Videos, verunsichern die Bürger:innen zunehmend. Eine Studie der Cornell University von Mai 2026 deutet darauf hin, dass die primäre Bedrohung durch Deepfakes aber nicht nur Täuschung sein kann, sondern dass das Vertrauen in die Authentizität politischer Kommunikation insgesamt untergraben wird. Eine Bertelsmann-Studie, ausgeführt von der Uni Potsdam vor der Bundestagswahl 2025, kommt zu dem Schluss: “Die Algorithmen sozialer Plattformen beeinflussen maßgeblich, welche politischen Inhalte sichtbar werden – und gestalten damit politische Realität. Die Integrität zukünftiger Wahlkämpfe wird in erheblichem Maße durch die Algorithmen der Tech-Konzerne und deren technische Umsetzungen geprägt, die auf digitalen Plattformen bei der Distribution und Kuration politischer Inhalte angewendet werden.” 

Federico Salvati, wissenschaftlicher Mitarbeiter für Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen am OSI, bezeichnet KI als die „nächste Stufe“ der Desinformation. Er vergleicht die heutige Entwicklung durch KI mit früheren Kommunikationsumbrüchen wie dem Buchdruck oder dem Internet. Zwar seien gezielte algorithmische Ansprachen und Desinformation im Netz nicht neu, weshalb viele Menschen bereits wissen, dass Online-Inhalte nicht immer verlässlich sind. Jedoch verändert sich die Skala, in welcher Quantität solche Inhalte produziert werden können. Während bis vor wenigen Jahren noch reale Menschen Desinformationen produziert haben, könnten KI-Systeme heute in kurzer Zeit gezielt tausende Varianten erzeugen. 

Inhalte, die nicht provozieren, sind algorithmisch im Nachteil 

Für den OSIaner Orkan Özdemir, SPD-Abgeordneter im Berliner Abgeordnetenhaus, ist KI im politischen Alltag zunächst ein enormer Zeitgewinn. Früher arbeiteten er und sein Team während Haushalts- und Koalitionsverhandlungen oft bis spät in die Nacht. Heute ist das dank eines etwa vierfachen Produktivitätsgewinns anders. Zugleich sieht er in KI das „Schlachtfeld der Demokratie im 21. Jahrhundert“. Man werde nicht an der Technologie vorbeikommen, dürfe aber das Feld nicht denjenigen überlassen, die es bereits strategisch nutzen. Laut der Konrad-Adenauer-Stiftung erhielten KI-generierte Beiträge im Median z.B. mehr als doppelt so viele Likes wie andere Inhalte. Özdemir sieht links-grüne Inhalte, die nicht provozieren, algorithmisch im Nachteil. Auch die Reichweite der Linken funktioniere aus seiner Sicht nur dann, wenn sie vom Algorithmus nicht als progressive Politik, sondern als staatskritische Konfrontation gelesen wird. Bei Deepfakes würden Akteure aus dem rechten Spektrum gezielt die Zeit zwischen Veröffentlichung, Prüfung und möglicher Löschung von Desinformation nutzen. Wenn Inhalte entfernt würden, hätten sie durch algorithmische Verbreitung oft schon Reichweite und politische Wirkung entfaltet. 

Um der riskanten Wirkung von Algorithmen auf die politische Meinungsbildung etwas entgegen zu setzen, plädiert Susanna Karademirci, für mehr Medienkompetenz. Sie ist derzeit Lehrbeauftragte am OSI und Mitgründerin von VoteRookie, einer Initiative, die  jungen Menschen digital mehr Zugang zur Politik ermöglicht. Oft bleibe durch den schnellen Medienkonsum der Moment aus, in dem man die Wahrheit eines Beitrags hinterfrage. Wichtig sei es deshalb, dass Menschen lernten, KI-generierte Inhalte einzuordnen, Quellen zu prüfen und Systeme kritisch zu betrachten. Dem könne man durch allgemeine Schulungen, Weiterbildung und besondere Kurse an Universitäten entgegenwirken. Karademirci verweist darauf, dass viele Demokratie-Initiativen von ehrenamtlichem Engagement leben. Sie appelliert deshalb: „Es ist besser, sich weniger zu beschweren und mehr zu engagieren und zu hoffen, dass was dabei rumkommt.“

Susanna Karademirci ist Mitgründerin von VoteRookie, einer Plattform, die junge Menschen spielerisch für Demokratie und Beteiligung gewinnen will. An der FU Berlin gibt sie derzeit das Seminar „Demokratie im KI-Zeitalter: Digitale Tools für Politik und Bürgerbeteiligung“. Sie ist außerdem digitale Produktmanagerin bei einer Kommunikationsagentur.

Orkan Özdemir ist SPD-Abgeordneter im Berliner Abgeordnetenhaus und vertritt den Wahlkreis Tempelhof-Schöneberg 3. Geboren und aufgewachsen in Schöneberg, arbeitet er politisch vor allem zu Antidiskriminierung, Strategien gegen Rechts und Integration. Von 2008 bis 2012 studierte er Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut. 

Federico Salvati arbeitet am Otto-Suhr-Institut im Bereich Internationale Beziehungen und lehrt dort aktuell unter anderem zu „Artificial Intelligence Governance and International Politics“. Zuvor war er in der Friedensförderung und außenpolitischen Beratung tätig; seine Forschung drehte sich um Autokratie, liberale Werte und internationale Diplomatie.

Nach oben scrollen