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Wem nützt künstliche Intelligenz wirklich?
Ein Gespräch mit Daniel Mügge über Macht, Monopole und trügerische Hoffnungen
VON JAKOB REBELEIN UND SIMON SCHUSTER
Künstliche Intelligenz gilt als Technologie der Zukunft und Hoffnungsträger für wirtschaftliches Wachstum. Auch die deutsche Bundesregierung setzt auf KI als Motor des Aufschwungs und begrüßt jegliche Investitionen in diesen Sektor, beispielsweise des US-Giganten Google. Zehn Prozent des Wirtschaftsvolumens sollen künftig durch KI generiert werden. Zugleich wächst das Bewusstsein über die komplexen Machtstrukturen, die künstliche Intelligenz umgeben. So warnt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung vor der starken Konzentration von Marktmacht bei wenigen großen Technologieunternehmen. Auch Papst Leo XIV warnte unlängst in seiner Enzyklika Magnifica Humanitas vor einer Konzentration von Daten, Rechenleistung und Algorithmen bei wenigen Unternehmen oder Staaten. Es drohten neue Formen von Ungleichheit, Abhängigkeit und Manipulation. Technologie müsse dem Gemeinwohl dienen und demokratischer Kontrolle unterliegen. Die geopolitischen Gefahren von technologischen Abhängigkeiten wurden jüngst exemplarisch verdeutlicht, als die US-Regierung vorübergehend den Zugriff auf das neueste KI-Modell des US-Konzerns Anthropic für ausländische Nutzer:innen sperrte.
Über die Machtstrukturen hinter künstlicher Intelligenz forscht Daniel Mügge, Professor an der Universität Amsterdam. Gemeinsam mit Regine Paul and Vali Stan veröffentlichte er 2026 das Buch
“The AI Matrix: Profits, Power, Politics.” Wir haben mit ihm über seine Erkenntnisse gesprochen.
Einer der Hauptaussagen ihres kürzlich erschienenen Buches “The AI Matrix” kann man so zusammenfassen: Die Frage sollte nicht sein, wie mächtig KI wird, sondern wem sie nützt und wer sie kontrolliert. Wem nützt sie also?
Mügge: Allgemein werden KI-Technologien größtenteils von privaten Firmen für potentielle Kunden entwickelt. Gruppen, die KI zwar ganz gut gebrauchen könnten, aber nicht dafür bezahlen können, sind kein interessanter Markt. Es gibt also eine große Diskrepanz zwischen „Wem könnte KI nutzen“ und „Wem wird sie de facto nutzen“.
KI kann zwar Sachen produzieren oder Produktivität steigern. Zum Beispiel im Feld der Robotik, in den Fabriken von Volkswagen oder Siemens. Sie kann aber auch dazu genutzt werden, Konsumentenverhalten besser vorherzusagen, interessant für Werbefirmen wie Meta. Dort wird zwar Geld generiert, jedoch macht das die Gesellschaft nicht glücklicher. Das Geld bleibt bei denjenigen, die KI entwickeln, kontrollieren und besitzen, also in den Händen weniger.
Von einem Wettbewerb im klassischen ökonomischen Sinn kann keine Rede sein. Die infrastrukturellen Verwurzelungen von US-amerikanischen Unternehmen wie Microsoft oder Google sind so tief, dass neue Wettbewerber keine Chance haben.
Auch Regierungen rund um die Welt ziehen Nutzen aus KI. Ein relativ klares Muster dabei ist, die eigenen Bürgerinnen und Bürger zu überwachen und zu kontrollieren. Das wird in China im großen Stil angewandt. Aber auch anderswo sehen wir, dass digitale Kommunikation und der öffentliche Raum mit KI sehr umfassend gemonitort werden. Das ist, solange uns an individueller Freiheit und Demokratie gelegen ist, eine besorgniserregende Dynamik.
Kann Europa KI demokratisch und gemeinwohlorientiert gestalten und gleichzeitig mit den Entwicklungen in den USA und China mithalten?
Bei bestimmten Arten von besonders weit entwickelten Technologien haben China und die USA in der Tat einen Vorsprung. Den werden wir so schnell nicht einholen. Sollte dies in Europa das Ziel sein, wird das in dem Stil nicht möglich sein, wenn wir an bestimmten Werten festhalten.
Das hat unter anderem mit den Arbeits- und Produktionsbedingungen von solchen Systemen zu tun. In China arbeiten die Menschen unter schlechten Konditionen, es gibt wenig datenschutzrechtliche Restriktionen. Ich sehe weder, dass das bei uns passiert, noch glaube ich, dass es das Ziel sein sollte. Man müsste eher aus einer gesellschaftlichen, ökonomischen, nachhaltigen Perspektive fragen, welche Applikationen wirklich einen Mehrwert bringen.
KI in der Robotik kann beispielsweise der relativ teuren europäischen Industrie helfen, auch auf anderen Märkten wettbewerbsfähig zu bleiben. Das wäre viel interessanter als die Frage, ob ein europäisches oder ein chinesisches Large Language Model besser arbeitet.
Europa ist, was KI angeht, stark angewiesen auf Serverinfrastruktur und Software aus den USA. Wie kann die EU aus diesen Abhängigkeiten ausbrechen?
Leider gibt es keinen Knopf, den man einfach drücken kann, um sich schlagartig technologisch von Amerika loszulösen. Ein guter erster Schritt wäre es, zeitnah die Abhängigkeiten zu sortieren und zu schauen, welche davon für uns am kritischsten sind. Dann sollte man einzelne Bausteine des infrastrukturellen Turms Schritt für Schritt ersetzen.
Die Reaktion der US-Administration auf solche Unabhängigkeitsbestrebungen ist jedoch sehr schwer abschätzbar. Da wir auch militärisch stark transatlantisch abhängig sind, hat die Trump-Regierung da durchaus Hebel, die sie gegen Europas Bemühungen nach mehr technologischer Souveränität einsetzen könnte.
Auch durch viele kleine Schritte, wie z.B. den individuellen Umstieg von amerikanischer auf europäische Software, kommen wir dem Ziel der Unabhängigkeit näher. Das Bewusstsein dafür wächst – hier gilt es weiter aufzuklären.
Die Bundesregierung investiert gerade Milliarden in KI, um Deutschland souveräner zu machen und die wirtschaftliche Flaute zu beenden. Was ist dran an den Wachstumsversprechen durch KI und welche Gefahren kann das bergen?
Gerade bei der Erzählung von KI als Wohlstandsmotor bin ich skeptisch. Erstens frage ich mich, wie viel extra Wohlstand überhaupt produziert werden kann, zweitens, bei wem dieser am Ende landet. Wenn 5% der Bevölkerung extrem reich werden, die große Masse aber vom Mehrwert nichts abbekommt, bringt uns das gesellschaftlich nicht weiter. Weltweit sieht es gerade nicht nach gerechter Umverteilung der KI-Gewinne aus.
Ich fürchte, das Festklammern an diesen Wachstumsnarrativen hängt damit zusammen, dass man sich nicht traut, gesellschaftlich radikaler zu denken und hofft, die Technik würde es schon richten. Das Heilsversprechen von KI halte ich für ein Pflaster auf die politische Ideenlosigkeit.
Meiner Ansicht nach sollte die Politik klar unterscheiden zwischen gesellschaftlich nützlicher Digitalisierung mit KI und Anwendungen ohne Mehrwert, die man problemlos dem Privatsektor überlassen kann. Dabei dürfen wir uns nicht verrückt machen lassen von Technikhypes. Das Ziel sollte nicht sein, bis 2040 eine KI-Supermacht zu werden, sondern gesellschaftliche Probleme anzugehen – dafür kann KI teilweise ein Werkzeug sein, aber sie ist kein Selbstzweck.
Daniel Mügge ist Professor für Politische Arithmetik an der Universität Amsterdam, wo er sich mit den politischen Dynamiken hinter Politikfeldern wie der Bankenregulierung oder der makroökonomischen Statistik beschäftigt. Er setzt sich auch mit den politischen und geoökonomischen Kräftefeldern rund um KI auseinander. Bevor er zum Masterstudium in die Niederlande zog, studierte er von 1997 bis 2000 am OSI Politikwissenschaft.




