© Alicia Kühn mit Canva AI

Künstliche Intelligenz im Journalismus

Die Branche ist gefordert im Inneren und von außen 

VON ALICIA KÜHN, ILIA LOMBARD UND CHRISTINE KOLMAR

Die Debatte um künstliche Intelligenz im Journalismus hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Während Verlage KI längst für Recherche, Übersetzungen oder das Schreiben standardisierter Meldungen nutzen – getrieben von Kostendruck, Personalmangel und dem Wunsch nach mehr Geschwindigkeit –, sorgt ihr Einsatz bei journalistischen Kernaufgaben zunehmend für Streit. Jüngst wurde der ehemalige Herausgeber und Chefredakteur des Tagesspiegels, Stephan-Andreas Casdorff, freigestellt, nachdem bekannt wurde, dass er als Editor-at-Large KI zum Schreiben von Kommentaren eingesetzt hatte, ohne dies zu kennzeichnen. Zuvor hatte bereits die FAZ in einem anderen Fall einen politisch brisanten Artikel aus dem Blatt genommen, weil er mithilfe von KI entstanden war. Für die einen ist das ein Tabubruch, für die anderen lediglich die konsequente Anpassung an eine technologische Realität, die sich kaum noch aufhalten lässt. 

Die zentrale Frage liegt nun darin, ob KI nur ein Werkzeug bleibt oder zunehmend Aufgaben übernimmt, die bisher als genuin journalistisch galten – etwa Analyse, Einordnung und Meinungsbildung.

Wir haben dazu unter anderem mit Lorenz Maroldt, Herausgeber des Tagesspiegels gesprochen – noch vor Bekanntwerden der Casdorff-Kontroverse. Seine Äußerungen sind daher allgemein zu betrachten und nicht spezifisch in Bezug auf diesen Fall. 

Maroldt erklärt, dass KI in ‚seinem‘ Blatt schon seit Längerem zum Alltag gehöre, sei es für Titelvorschläge, Datenauswertungen, Zusammenfassungen oder auch bei der Recherche. Hier mache die KI häufig Fehler. Journalisten überprüften die Recherchen grundsätzlich. Sofern kein kreativer Geist bei redaktionellen Arbeiten gefordert sei, könne die KI aber einspringen und Journalisten entlasten beziehungsweise auch eine Kostenersparnis darstellen. Alles in allem plädiert Maroldt dafür, dass KI-unterstützte Beiträge immer markiert und am Ende vom Menschen kontrolliert werden müssen. Auf ein Ende von KI zu hoffen, sei ein Fehler. Vielmehr sollte man die Chancen, die sie bietet, erkennen und nutzen.

Auch die Märkische Allgemeine Zeitung (MAZ) mit Sitz in Potsdam nutzt KI bereits zum Transkribieren oder Zusammenfassen von Inhalten. Jetzt soll sie zunehmend die Recherche und digitale Aufbereitung von Texten unterstützen, schildert ihr Chefredakteur Henry Lohmar. Für diesen Schritt hat die MAZ die Leitlinien ihres Mutterhauses, der MADSACK Mediengruppe, übernommen. Dazu zählt zum Beispiel ein Verbot von KI-veränderten Fotos und eine unbedingte Faktenprüfung durch Redakteure. Nicht die KI, sondern die “menschliche Intelligenz” sei entscheidend für die Glaubwürdigkeit eines Mediums, sagt Lohmar. Er ist fest davon überzeugt, dass KI niemals den Kern des Journalismus ersetzen werde, nämlich die Nähe zu den Menschen, die Kontakte, sowie Recherchen vor Ort. Genau das mache den Kern lokaljournalistischer Arbeit aus.

Doch damit endet die Herausforderung für den Journalismus nicht. Während Verlage und Redaktionen KI zunehmend als Werkzeug in ihre eigenen Arbeitsabläufe integrieren, wächst gleichzeitig der Druck von außen. Denn dieselbe Technologie, die Recherche beschleunigt und Prozesse effizienter macht, produziert auch täuschend echte Falschmeldungen, manipulierte Bilder und Videos sowie automatisierte Desinformation. Die Medien müssen KI daher nicht nur sinnvoll einsetzen – sie müssen mit ihr produzierte Inhalte zugleich kritisch prüfen und einordnen.

„Wir führen einen Kampf gegen Desinformation“, beschreibt dies Stefan Voß, Chef des 25-köpfigen Faktencheck-Teams der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Die Anzahl der KI-Fakes und der Falschbehauptungen sei seit einem Jahr massiv gestiegen, berichtet er, aber meist seien diese mit fundiertem Verifikationswissen noch leicht zu erkennen. Es werde so viel Unwahrheit in die Welt gesetzt, dass die dpa gezwungen sei, nicht nur zu berichten, was ist, sondern immer häufiger auch, was nicht richtig ist. Die Lüge sei schneller als die Wahrheit. „Es wird Geld damit verdient, die Gesellschaft zu belügen“, sagt Voß in Hinblick auf die Verbreitung von Desinformation durch Social Media. Dadurch mache sich in der Bevölkerung immer mehr Fatalismus und Unsicherheit breit, was überhaupt noch echt sei. 

Gerade in einer Zeit also, in der Maschinen Inhalte sekundenschnell und kostensparend erzeugen können, wird deutlich, dass die menschliche Kompetenz im Journalismus wichtiger denn je ist: prüfen, einordnen und Verantwortung für das Veröffentlichte übernehmen.

Lorenz Maroldt schloss sein Studium am OSI 1989 als Diplom Politologe ab. Danach arbeitete er zunächst bei verschiedenen Zeitungen wie „Der Morgen” und „Neue Zeit“, bevor er 1994 beim Tagesspiegel im Ressort Politik anfing. 2014 wurde er Co-Chefredakteur und entwickelte den mehrfach preisgekrönten Newsletter „Tagesspiegel Checkpoint“. Seit 2025 ist Maroldt Herausgeber des Tagesspiegel.

Unmittelbar nach seinem Studium am OSI begann Henry Lohmar 1997 ein Volontariat bei der MAZ. Ein Jahr später wurde er in die Politikredaktion übernommen. Von 2011 bis 2013 war er Politikchef, später Newsdesk-Chef und stellvertretender Chefredakteur. Seit Oktober 2019 ist Lohmar nun Chefredakteur der MAZ.

Stefan Voß ist Verification Officer bei der Deutschen Presse-Agentur. Der studierte Historiker und Slawist arbeitet seit 1998 bei der dpa. Mehr als ein Jahrzehnt berichtete er als Auslandskorrespondent aus Kyiv und Moskau über die Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Seit 2017 hat er bei der dpa ein großes internationales Faktencheck-Team aufgebaut.

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