Werden wir von Künstlicher Intelligenz ersetzt?

VON LAURA BONGARDT

„Wir glauben, dass KI den Einzelnen in einem bislang beispiellosen Maß ermächtigen und handlungsfähiger machen wird. Und dass sie auch die Menschheit als Ganzes auf ein neues Niveau hebt. Wir werden mehr tun, mehr erschaffen und mehr besitzen können. Wenn Intelligenz überall verankert ist, stehen uns Superkräfte auf Abruf zur Verfügung.“

Das sagte OpenAI CEO Sam Altman 2023 auf einer KI-Konferenz. OpenAI ist das Unternehmen hinter ChatGPT, das Künstliche Intelligenz für die breite Öffentlichkeit alltagstauglich machte. Altman präsentiert sich als einer der größten Optimisten der Branche. Er ist überzeugt, dass Künstliche Intelligenz die Welt zu einem besseren Ort machen wird. Dass sie zu mehr Selbstbestimmung führt und wir alle ein Werkzeug an die Hand bekommen, das uns bei der Ausschöpfung unseres vollen Potentials hilft. 

Vorausgesetzt, KI bleibt ein Werkzeug für den Menschen und ersetzt ihn nicht. Aber wie gut funktioniert das in der Praxis? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, habe ich mich auf dem Campus umgehört. Drei Studierende wurden von mir interviewt, wie sie KI nutzen, ohne sich dabei selbst überflüssig zu machen.

Leopold studiert an der Freien Uni Politikwissenschaft, Zeynab Politik und  Publizistik, Kira Geschichte. Alle drei erzählen mir, dass sie ihre KI-Nutzung für die Uni bewusst einschränken. Auch wenn die Zeitersparnis verlockend ist, zum Beispiel durch Text-Zusammenfassungen oder Formulierungshilfen: am Ende bleibt wenig hängen und die eigene Identität in Sprache und Text verblasst. 

Leopold beobachtet auch einen gewissen Verlust an mentaler Resilienz. Er meint, bevor es KI gab, waren wir gezwungen, es auszuhalten, manchmal nicht voranzukommen: “Wir saßen einem wissenschaftlichen Problem gegenüber und mussten uns selbstständig Gedanken machen, wie wir zur besten Lösung kommen.” Heute fragt man lieber schnell die KI. So kommen wir zwar zügig ans Ziel, aber Denkprozesse, die neue Verknüpfungen in unserem Gehirn fördern und uns auf Dauer intelligenter machen, gehen verloren. 

Ein anderes Problem sind Halluzinationen, bzw. Unwahrheiten, die KI auftischt, wenn sie keine Antwort weiß. Bei Kira und Zeynab hat KI so schon einiges an Vertrauen eingebüßt, was letztendlich zu weniger Nutzung führte. 

Zeynab erzählt mir, nach einiger Zeit sei sie fast wieder zu ihrer alten Arbeitsweise zurückgekehrt. KI nutze sie nun vor allem, um selbst geschriebene Texte kritisch zu überprüfen. Leopold vertraut Künstlicher Intelligenz grundsätzlich nicht und hält ihre Unterstützung nur bei der Suche nach wissenschaftlichen Quellen für legitim. Kira nutzt KI mittlerweile primär, um Quellen und relevante Kapitel vorzusortieren. 

KI kann den Alltag erleichtern und uns Arbeit abnehmen. Problematisch wird es aber, wenn wir uns so sehr auf sie verlassen, dass wir immer seltener selbst denken, Herausforderungen bewältigen und Entscheidungen treffen. Wenn wir Aufgaben an KI übertragen, an denen wir selbst wachsen könnten. Unser Gehirn ist keine Maschine, die immer gleich gut funktioniert, sondern kann wie ein Muskel trainiert werden oder eben nicht. Wird ihm dauerhaft zu wenig abverlangt, besteht die Gefahr, dass unsere geistigen Fähigkeiten mit der Zeit nachlassen. 

Die “ewige Unterschicht”

Die Frage des Ersetzt-werdens kann natürlich auch größer gedacht werden. Überlegungen, in denen KIs Menschen überflüssig machen und nicht nur unterstützend wirken, kursieren im Silicon Valley schon seit Jahrzehnten. 

Ein Begriff, der dabei die Runde gemacht hat, ist die sogenannte  “ewige Unterschicht”. In diesem Szenario gibt es klare Gewinner und Verlierer der Tech-Revolution. 

Auf der Gewinnerseite steht eine kleine Tech-Elite, die Anteile an erfolgreichen KI-Unternehmen besitzt, selbst KI entwickelt oder auf hochspezialisierte Weise nutzt. Auf der Verliererseite steht ein großer Teil der heutigen Mittelschicht. Vor allem Menschen, deren Einkommen auf geistiger Arbeit beruht. Ihre Arbeitskraft wird nach der KI-Revolution nicht mehr gebraucht, weil ihre Jobs automatisiert werden. Wenn die Wirtschaft keine Aufgaben mehr findet, die ein Mensch besser, schneller oder kostengünstiger als eine KI erledigen kann, könnte eine „ewige Unterschicht“ entstehen. Aus Menschen, die zu Statisten in einer Welt werden, die einst von ihnen mitgestaltet wurde. KI ist in diesem Szenario zwar wirtschaftlich sehr produktiv, der Gewinn landet aber vor allem bei Kapitalbesitzern und wenigen Hochqualifizierten. 

Dieses Szenario wirkt extrem und ist nicht besonders realistisch. Zum einen, weil es voraussetzt, dass die Jobsituation exakt so bleibt wie sie heute ist und keine neuen Jobs entstehen. Zum anderen, weil die große Masse der Benachteiligten die ungleiche Verteilung an Wohlstand einfach so hinnehmen müsste. Ohne, dass jemand einen Aufstand anzettelt: Eher unrealistisch, wenn man einen Blick auf die Vergangenheit wirft. 

Bereits während der industriellen Revolution übte die Arbeiterbewegung einen so großen Druck auf die Politik aus, dass sie sich gezwungen sah, die Grundlagen für den heutigen deutschen Sozialstaat zu schaffen. 

Und außerdem – auch wenn es unromantisch klingen mag – funktioniert keine Wirtschaft ohne kaufkräftige Konsumenten. Wenn zu viele Menschen bei der Tech-Revolution leer ausgehen, braucht es wenigstens so etwas wie ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Insgesamt ist es demnach unrealistisch, dass wir Menschen einfach ersetzt werden. Fest steht aber: Die Art, wie wir leben und arbeiten, wird sich verändern. Das eingangs erwähnte Narrativ von Sam Altman, in dem Menschen KI als Werkzeug zur Selbstverwirklichung nutzen, wirkt dabei etwas zu vereinfacht. Es verschließt die Augen davor, dass KI unsere individuelle Entfaltung auch behindern kann und die Art bedroht, wie wir als Gemeinschaft funktionieren. Selbstermächtigung bedeutet auch mehr Individualismus. Und wenn ein Mensch mehr besitzt, besitzt an anderer Stelle jemand weniger. Gefahren wie diese ernst zu nehmen heißt nicht davon auszugehen, dass KI den Großteil der Menschheit überflüssig machen wird. Dennoch ist Vorsicht geboten, damit weder unsere menschliche Identität noch das gemeinschaftliche Miteinander verloren gehen. Wenn das gelingt, können wir auch die positiven Seiten von KI genießen. 

Leopold studiert Politikwissenschaft am OSI. Er wünscht sich eine Zukunft, in der KI ausschließlich für Arbeiten eingesetzt wird, die Menschen freiwillig abgeben. Das größte Risiko sieht er in einem möglichen Zwang KI nutzen zu müssen, um im Kapitalismus konkurrenzfähig zu bleiben. 

Kira studiert Geschichte an der FU. Für die Zukunft wünscht sie sich, dass KI nicht in den Händen von Tech-Milliardären liegt, sondern einem gemeinnützigen, kollektiven Modell folgt. KI soll zur Erleichterung des Alltags eingesetzt werden, ohne dabei Menschen zu ersetzen.

Zeynab studiert Publizistik und Politikwissenschaft an der FU. Die größten Chancen von KI sieht sie im Gesundheitsbereich, zum Beispiel bei der Früherkennung von Krankheiten wie Brustkrebs. Persönlich hat sie aber die Sorge, wegen KI keinen Job im Journalismus zu finden. 

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