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Politische Expertise im KI-Zeitalter
Warum KI die Politikwissenschaft verändert – aber nicht ersetzt
VON KARIM ADRA UND BOHDAN KARATZAS
Künstliche Intelligenz schreibt Texte, analysiert Daten und recherchiert Literatur in Sekunden. Für viele Studierende stellt sich deshalb eine zentrale Frage: Welche Zukunft hat die Politikwissenschaft in einer Arbeitswelt, in der KI immer mehr Aufgaben übernimmt?
Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit sprechen zunächst gegen düstere Prognosen. Die Arbeitslosenquote unter Politikwissenschaftler:innen liegt bei lediglich 2,8 Prozent. Gleichzeitig arbeiten rund 83 Prozent der Absolvent:innen nicht im klassischen Kernbereich ihres Studiums, sondern in Feldern wie Öffentlichkeitsarbeit, Beratung oder Organisation. Jährlich verlassen etwa 5.000 Absolvent:innen die Hochschulen, während bundesweit nur rund 60 Stellen ausdrücklich für Politikwissenschaftler:innen ausgeschrieben werden. Der Berufseinstieg erfolgt daher häufig über Umwege, Netzwerke und Zusatzqualifikationen.
Für Stefan Unger, Geschäftsführer einer Politikberatungsagentur und Vorsitzender der de’ge’pol (Deutsche Gesellschaft für Politikberatung), ist KI in der Arbeitswelt bereits heute spürbar. „Es gibt keinen Tag ohne KI“, sagt er. Ob Präsentationen, Angebotsentwürfe oder Datenanalysen – Künstliche Intelligenz sei inzwischen fester Bestandteil seines Arbeitsalltags. Dennoch sieht er die Technologie nicht als Konkurrenz zum Menschen. „Die KI wird uns nicht überflüssig machen. Menschen, die exzellent mit KI umgehen können, werden aber diejenigen verdrängen, die es nicht können.“ Für Studierende werde deshalb die Fähigkeit entscheidend, politische Expertise mit technologischem Verständnis zu verbinden.
Gleichzeitig warnt Unger vor überzogenen Erwartungen. Politische Beratung sei weiterhin ein „People’s Business“. Vertrauen, Erfahrung und die Fähigkeit, politische Stimmungen oder gesellschaftliche Konflikte einzuordnen, ließen sich nicht einfach automatisieren. KI könne unterstützen, die Verantwortung für politische Entscheidungen bleibe jedoch beim Menschen.
Auch Thomas Rixen, Professor für Internationale und Vergleichende Politische Ökonomie und Geschäftsführender Direktor des OSI, sieht die Entwicklung differenziert. Für ihn geht die Debatte über die Frage einzelner Berufsbilder hinaus. Universitäten hätten nicht nur die Aufgabe, auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten, sondern Menschen zu befähigen, politische und gesellschaftliche Entwicklungen kritisch zu verstehen. „Ein Großteil von dem, was Studium ausmacht, ist, dass man Freude daran hat, die Welt zu verstehen“, betont Rixen.
Genau darin liege die Gefahr eines unreflektierten KI-Einsatzes. Wer jede Analyse und jede Zusammenfassung von Maschinen erstellen lasse, verliere langfristig die Fähigkeit zum eigenständigen Urteilen.
Außerdem erkennt Rixen die Chancen der Technologie. Forschung könne beschleunigt, große Datenmengen effizienter ausgewertet und neue Fragestellungen erschlossen werden. Hochschulen müssten deshalb auf die Veränderungen reagieren und KI-Kompetenzen stärker in die Lehre integrieren. Entscheidend sei jedoch, dass technisches Wissen nicht an die Stelle wissenschaftlicher Reflexion trete. Zentral bleibe laut Rixen vor allem eines: „Was wir den Studierenden mitgeben wollen, ist die Kompetenz zum Urteilsvermögen.“
Auch die Bundesagentur für Arbeit erwartet keinen Bedeutungsverlust der Politikwissenschaft. Vielmehr gewinnen Fähigkeiten an Bedeutung, die Maschinen nicht besitzen: Empathie, Kommunikationsstärke und die kritische Bewertung von Informationen. Für die derzeit rund 31.000 Politikwissenschafts-Studierenden in Deutschland bedeutet das vor allem eines: Fachwissen allein wird künftig nicht ausreichen.
Die Zukunft der Politikwissenschaft entscheidet sich daher nicht zwischen Mensch und Maschine. Sie entscheidet sich daran, wie gut beide zusammenarbeiten. Wer politische Zusammenhänge analysieren, technologische Entwicklungen verstehen bzw. nutzen und deren Folgen kritisch einordnen kann, dürfte auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft gefragter sein denn je.
Prof. Dr. Thomas Rixen studierte Politikwissenschaft, Volkswirtschaftslehre und öffentliches Recht in Bonn, Hamburg und Paris sowie angewandte Volkswirtschaftslehre an der University of Michigan. Nach seiner Promotion an der Jacobs University Bremen forschte und lehrte er unter anderem am Wissenschaftszentrum Berlin, der FU Berlin und der Universität Bamberg. Seit 2019 ist er Professor für Internationale und Vergleichende Politische Ökonomie an der Freien Universität Berlin.
Stefan Unger studierte Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen am OSI und an der American University of Beirut. Seit 2012 ist er in der politischen Beratung tätig, vor allem berät er für Unternehmen, Verbände und Institutionen in den Bereichen Gesundheitspolitik, Medizintechnologie und Versorgung. Heute ist er Geschäftsführer bei Miller & Meier Consulting und verantwortet dort unter anderem die Weiterentwicklung des Beratungsportfolios sowie den Einsatz von KI.




